© Markus Luigs
Pionier und Legende: Wolfgang Flür
Wolfgang, du bezeichnest dich nicht als DJ, sondern eher als Moderator deiner eigenen Show. Was erwartet das Publikum bei deinen Auftritten?
DJ bin ich tatsächlich nicht. Ich bin eher Moderator meiner eigenen Show. Ich dirigiere sie und spiele dabei wie ein Schauspieler: Ich gehe in meine Musik hinein, kann nicht ruhig stehen und zeige, was ich bei der Musik empfinde, die ich meinem Publikum anbiete. Das ist ein großer Aufwand, der aber auch große Resultate erzielt.
Deswegen heißt die Show „Cinema“: Die Leute erleben nicht nur Musik, sondern auch etwas für die Augen. Ich versuche deshalb, möglichst große Leinwände für die Projektionen zu bekommen. Ich gehe ins Kino und liefere die Musik dazu. Sie ist tanzbar und unterhaltsam, aber auch ernsthaft – nicht dramatisch.
Warst du schon einmal in Magdeburg?
Ich bin kurz nach der Wende einmal durch Magdeburg gefahren, damals wegen meines Kinderhilfsprojekts. Das war ein Benefizprojekt und mein erstes Stück nach KRAFTWERK – ein Kinderlied für die Waisen und verletzten Kinder, die aus einem Kinderheim in Sarajevo gerettet wurden.
Ich freue mich auf Magdeburg. Die Stadt hat eine unglaublich schöne Innenstadt. Vor Kurzem habe ich auch noch einen Bericht über Magdeburg im Fernsehen gesehen und bin dadurch richtig neugierig geworden.
Von 1973 bis 1986 warst du Mitglied von KRAFTWERK. Heute berufen sich unzählige Elektropop- und Elektronik-Künstler auf die Band. Wie fühlt es sich an, ein ganzes Genre mitgeprägt zu haben?
Natürlich ist man stolz, wenn man so viel erreicht hat, dass andere einen zitieren. Wir waren auch Vorreiter bei bestimmten technischen Entwicklungen und haben Denkanstöße gegeben. Mein elektrisches Schlagzeug gab es damals beispielsweise noch gar nicht.
Die Industrie, vor allem in Japan, ist sehr schnell auf diese Entwicklung aufgesprungen und hat anschließend natürlich noch bessere Instrumente gebaut, weil sie ganz andere technische Möglichkeiten hatte.
KRAFTWERK setzte sich damals nicht nur musikalisch, sondern auch optisch deutlich von klassischen Rockbands ab. Wie hat sich dieser Wandel auf der Bühne angefühlt?
Wir wollten nicht mehr mit langen Haaren und Jeans wie eine klassische Rockband auftreten. Alle vier waren uns einig, dass wir uns davon absetzen wollten. Am Anfang sogar mit Anzügen.
Auch das Schlagzeugspiel veränderte sich. Früher war das körperliche Arbeit, man war hinterher komplett verschwitzt. Beim elektrischen Schlagzeug stand man dagegen an den Pads und spielte mit dünnen Metallstäbchen. Das war eine völlig andere Art zu arbeiten.
Der Übergang fiel mir aber nicht schwer, weil ich schnell gemerkt habe, wie begeistert die Leute davon waren. Ich war damals tatsächlich der Einzige auf der Welt, der so ein Instrument hatte.
Dein aktuelles Album „Times“ lebt erneut von Kooperationen mit anderen Künstlern. Wie entstehen diese Kollaborationen?
Das hat sich immer unterschiedlich ergeben. Ich habe bereits vor „Magazin 1“ mit anderen Künstlern zusammengearbeitet. Bon Harris von Nitzer Ebb kam beispielsweise nach einem Konzert im Backstage-Bereich auf mich zu und sagte: „Wolfgang, wir müssen unbedingt was zusammen machen.“ Da habe ich natürlich zugesagt.
Bei Peter Hook war es ähnlich. Wir hatten gesagt, dass wir bei ein oder zwei Stücken einen besseren Bass gebrauchen könnten, und er hat sofort zugesagt.
Auch mit Boris Blank von Yello entstand die Zusammenarbeit auf diese Weise. Er meinte, wir könnten ruhig einmal etwas zusammen machen, schließlich seien wir auch Fans voneinander. Ich mag seine Sachen übrigens lieber als die von Yello.
Wie genau kam es damals zu deinem Einstieg bei KRAFTWERK? Und wie beurteilst du die heutige Besetzung mit nur noch einem Gründungsmitglied?
Zunächst einmal: Es ging damals nicht um einen Aushilfsdrummer. KRAFTWERK hatte einfach keinen. Und Rockband ist auch nicht ganz richtig. Sie haben immer experimentelle Musik gemacht und versucht, sich vom amerikanischen und englischen Pop- und Rockstil zu entfernen.
Was die heutige Band betrifft: KRAFTWERK hat noch den Namen, aber es ist natürlich eine völlig andere Geschichte. Ich habe mir die Show in Düsseldorf angesehen und war von der 3-D-Produktion und der riesigen Leinwand begeistert.
Gleichzeitig stehen da vier Figuren auf der Bühne, fast wie in einem Museum. Ich kann aber auch die Fans verstehen. Viele gehen zu den Konzerten, treffen dort andere Fans und besuchen teilweise alle Shows. Die neuen Mitglieder kenne ich persönlich nicht. Ich freue mich für Ralf, dass er neue Mitstreiter hat – aber es ist heute eben alles anders.
Du wirst häufig als „Musiksoldat“ bezeichnet. Woher stammt dieser Begriff und welche Bedeutung hat er heute für dich?
Der Begriff entstand tatsächlich bei einem Soundcheck. Meine Frau meinte damals, ich solle mir noch eine Pickelhaube besorgen, wenn ich schon so hin und her marschiere. Zunächst war das nur ein Gimmick. Heute ist es ein Statement gegen den Krieg. Meine Waffe ist die Musik.
Deshalb beginnt meine Show mit einem sehr wichtigen Stück nach einem Text von Wolfgang Borchert. Er war ein überzeugter Pazifist, und ich bin ebenfalls ein großer Fan von ihm. „Sagt NEIN!“ enthält 25 Statements, die sich überwiegend gegen den Krieg richten.
Für meine Show haben wir das Stück auf etwa drei Minuten gekürzt. Es bildet den Auftakt, begleitet von einem sehr wichtigen und dramatischen Video. Danach beginnt erst die eigentliche Unterhaltung. Das Statement soll am Anfang stehen, damit die Botschaft klar ist, bevor die Show anschließend tanzbarer und unterhaltsamer wird.
Wie beurteilst du die Entwicklung der Musikbranche durch Streaming, Downloads und inzwischen auch Künstliche Intelligenz?
Für Musiker ist die Entwicklung durch Spotify, Downloads und Streaming eine Katastrophe. Wir verdienen kaum noch Geld mit der Musik selbst.
Man fragt sich, warum jemand ein oder zwei Jahre an einem Album arbeiten soll, wenn diese Arbeitszeit niemand bezahlt. CDs werden kaum noch verkauft, und viele Menschen denken, sie hätten ein Recht darauf, Musik einfach herunterzuladen.
Musiker verdienen heute vor allem mit ihren Auftritten. Gerade junge Künstler mit vielen Ideen und Ambitionen haben es schwer. Plattenfirmen unterstützen sie kaum noch und erwarten häufig ein fertiges Produkt. Wenn sie Glück haben, bekommen sie einen kleinen Labelvertrag. Das ist wirklich dramatisch.
Du trittst weltweit auf. Wie unterschiedlich sind die Publikumsreaktionen in den verschiedenen Ländern?
Deutschland unterscheidet sich deutlich von England und Schweden. Wir waren zuletzt zweimal in Malmö und in Stockholm, jeweils vor ausverkauftem Haus. In England ist es ebenfalls fast immer voll.
In Deutschland wird dagegen häufig zu wenig Werbung gemacht. Promoter, Veranstalter und Clubmanager könnten deutlich mehr tun. In Berlin hatten wir allerdings einen Glücksfall: Wir haben im Meistersaal der ehemaligen Hansa Studios gespielt, wo unter anderem David Bowie und Depeche Mode aufgenommen haben. Dort war es voll.
Berlin ist allerdings auch nicht unbedingt repräsentativ für Deutschland. Dort gibt es sehr viele musikbesessene Menschen.
Bei den meisten Orten, an denen wir zum zweiten oder vierten Mal spielen, kennen die Leute die Show bereits. Sie bringen Freunde mit und sorgen so selbst dafür, dass die Konzerte gut besucht sind.
Wolfgang, vielen Dank für das Gespräch und die Zeit. Bis bald in Magdeburg!
