Mit "Syrian Perspectives" gastiert das Haus der syrischen Kunst aus Bremen erstmals mit einer Doppelschau der beiden syrischen Fotografen Aiham Dib und Samer Kozah im Forum Gestaltung.
Beide porträtieren ihr Land mit offenem Blick und aus einer sehr individuellen Perspektive. So eröffnen sie überraschende Einblicke in den Alltag eines weitgehend unbekannten Syriens – anders, als wir es aus den Medien kennen. Zwei Sichtweisen, zwei unterschiedliche Bildsprachen und zwei verschiedene künstlerische Charaktere treffen hier aufeinander. Der international anerkannte Künstler, Fotograf und Filmemacher Aiham Dib erweitert aus einer kinematografischen Sicht auf die Welt die Grenzen dessen, was Kunst sein kann und wie sie unsere Wahrnehmung verändert. In der Auseinandersetzung mit medientheoretischen Ansätzen erklärt er: „Kunst hilft Gesellschaften, sich weiterzuentwickeln, indem sie immer rebellisch und dennoch konstruktiv ist.
“Im Zentrum seiner jüngsten fotografischen Serie steht das Bild Flying Papers, das am frühen Morgen des 8. Dezember 2024 entstand. Es war jener Morgen, an dem sich die Nachricht von Assads Flucht bereits wie ein Lauffeuer in Syrien verbreitet hatte. Der Künstler fuhr mit seinem Auto in die Stadt Jableeh, wo sich die Menschen auf den Straßen versammelt hatten, und entdeckte nahe dem römischen Amphitheater diese Szene: Zwei Jungen werfen einen ganzen Haufen Papiere in die Luft. Die frühe Sonne spielt dabei mit Licht und Schatten. Es entsteht ein nahezu ikonisches Bild.Dibs Arbeiten zeichnen sich durch hohe Authentizität aus und besitzen stets einen biografischen Bezug. Mit dieser Fotografie vom 8. Dezember schreibt er Geschichte – Weltgeschichte. Ist es ein Bild der Hoffnung?Auf die Frage, worin er seine Aufgabe als Fotograf sehe, antwortete der Künstler: „Ich bin hier, um Fotos zu machen. Das ist das Maximum, was ich sage. Ich mache Fotos und nähere mich der Welt, um sie besser kennenzulernen. Dabei bin ich mir meiner möglichen Unwissenheit sehr bewusst, wenn ich anderen von der Welt erzähle. Auch wenn sich manche Menschen mit der Zeit verändern, muss ich mich damit auf konzeptioneller und moralischer Ebene auseinandersetzen.
“Gezeigt werden Fotografien aus der Zeit vor dem 8. Dezember 2024 ebenso wie Arbeiten aus der Zeit danach – Blicke auf Menschen und auf den sozialen sowie kulturellen Kontext, der sie umgibt. Dib arbeitet bewusst gegen überlieferte Regeln der Fotografie, versucht sie zu verändern und entwickelt dabei seine eigenen Gesetze des Sehens. Für ihn ist das Bild ein eigenständiges Kunstwerk. Mal richtet er den Fokus auf Nähe, mal auf die Distanz, aus der wir auf Syrien blicken. Großformatige Fotografien wechseln sich mit kleinformatigen Arbeiten ab.
Die Fotografien von Samer Kozah zeigen einen Rückblick auf seine Heimatstadt Damaskus und deren wechselvolle Geschichte – in Schwarz-Weiß und Farbe. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg begleitet der Fotograf und Galerist seine Stadt und veröffentlichte diese Arbeiten in seinem jüngst erschienenen Buch My Damascus. Mit zärtlicher Hingabe und tiefem Respekt begegnet er den Menschen und hält Wesen und Charakter seiner Porträtierten in den Fotografien fest.Durch den Blick Samer Kozahs, der Wissen und Sensibilität vereint, begegnen wir seinem Damaskus und der ästhetischen Melancholie dieser einzigartigen Stadt am Fuße des Berges Kasioun, die zwischen Tradition und Moderne oszilliert. Kozah öffnet Durchblicke und Aussichten über die Dächer von Damaskus hinweg, lässt uns am Alltag der Damaszener teilhaben oder führt uns in die winterliche Stille der schneebedeckten Ufer des Flusses Barada.Mit größter Sorgfalt arbeitet er mit Schwarz-Weiß-Kontrasten und fein abgestuften Grauwerten. Durch den Blickwinkel seiner Kamera schreibt er mit seinen Bildern nicht nur ein Kapitel der Geschichte seiner Stadt, sondern verleiht ihr zugleich einen Moment von Ewigkeit.Harte Schatten zeichnen ihre Formen in Schwarz-Weiß auf die Mauern der Altstadt von Damaskus. Es ist eine Stadt der Kontraste: von gleißendem Licht und tiefem Schwarz, von farbigen Nuancen und einer unendlichen Vielfalt ihrer Geschichte und Erscheinung. Trotz der Zerstörungen des Krieges, die sich über die einzigartige Schönheit dieses reichen Landes legen, zeigt sich in den Gassen und hinter den Türen der Damaszener Häuser weiterhin das Leben der Menschen.

Google
Yahoo
Outlook
ical