Ottersleben war einmal das größte Dorf in der DDR. Wer schon einmal Ottersleber Feste erlebt hat, der wird verstehen, warum Einheimische fest und steif behaupten, Ottersleben wäre das größte Dorf der Welt gewesen, mindestens jedoch ist es der Nabel der Welt. Stadtteilfeste sind dort größer als anderswo. Und der St. Martinsumzug ist selbstverständlich nicht nur der größte, sondern auch der schönste in der Stadt. Also, nichts wie hin.
Nicht weil ich Lampions liebe oder dröge Reiter in historischen Kostümen auf Pferden, die nicht mal als Wurst eine Chance bei mir hätten. Nein. Martinstag ist Gänsetag. Und wenn man auf Gänse trifft, dann in einem Dorf. Dort, wo Gänse noch im freien Auslauf ihre Keulen kräftigen, beim Schwimmen im klaren Teich Brust und Seele massieren und überhaupt nur Körner bekommen, die bei meiner Lieblingsliebsten ohne weiteres als Frühstücksmüsli durchgehen würden. Und: Größtes Dorf – größte Gänse. Schönstes Dorf – schönste Gänse.
Wie deprimierend, das sich an diesem Tag alle Gänse von Ottersleben vorahnungsvoll versteckt hielten. Ich würde als Gans auch alles tun, um katholischen Genußmenschen ohne Vorbehalte gegenüber Fleisch nicht über den Weg zu laufen. Ratzfatz ist man gerupft, mit Äpfeln und Lebkuchen gefüllt und bei ordentlicher Ofenhitze am Garen. Und von draußen sieht der Herr Papa durch die Ofenscheibe und piekt in regelmäßigen Abständen mit einer Fleischgabel in Brust und Keule, um ja nicht den optimalen Garzeitpunkt zu verpassen. Und wenn der Herr Papa die Ärmel seines weißen Festtagshemdes hochkrempelt, das Tranchiermesser am Wetzstahl schärft, dann sind die Minuten bis zum Zerlegen vor Publikum gezählt. Und zu guter Letzt wird einem noch der Bürzel abgetrennt. Nein, als Gans möchte ich nicht in Ottersleben am Martinstag spazieren gehen.
Aber da Gänse keine schlauen Tiere sind und eben nicht wissen, was St. Martin ist, geschweige ein Tranchierbesteck, liefen mir dann doch zwei von ihnen über den Weg. Ratzfatz hatte ich sie im Sack. Und bis Weihnachten wollte ich sie zum idealen Weihnachtsbratengewicht aufmästen. Nur fette Weihnachtstage sind gute Tage! Das sahen meine Lieblingsliebste und die Kinder ganz anders. Die Gänse bekamen am ersten Tag Namen, beim ersten Schnee Strickmützen und sollten am heiligen Abend mit Weihnachtsgeschenken beglückt werden. Die Stopfmaschine für meine berühmte fois gras kam nicht mal in die Nähe der Gänse. Dennoch: Weihnachten ohne Gänsebraten ist wie ein Kamel ohne Höcker. Nicht schön. Und auch nicht besinnlich. Also gab‘s die berühmten Ottersleber Gänse. Besinnlicher hatte ich den heiligen Abend bisher noch nie erlebt. Ich, meine beiden Gänse und sonst niemand. Fette Tage eben. (olegans)
