Ja, Wandern ist gesund, meditativ, natürlich und gesellig. Fred hatte mich schon vor längerer Zeit überredet, mit ihm zu wandern. Was ich nicht wusste: Fred ist Mitglied im Nacktwanderklub. Ich ließ mich trotzdem darauf ein. Es ging auf den Brocken. Die anderen Nacktwanderer beäugten mich skeptisch und blieben recht wortkarg. Ich dachte, es läge an meinem nicht durchtrainierten Körper oder an meiner blassen Hautfarbe. Eckart, ein kerniger Harzer mit rasierter Brust und der Vorsitzende des Klubs, brummte: „Na dann mal los.“ Und los ging‘s.
Der Weg zum Brockengipfel ist lang und vor allem steil. Im Prinzip ist das kein Problem. Wenn man aber – wie Nacktwanderer das tun – die Hauptwanderwege zu meiden sucht, ist der Weg nicht nur lang und steil. Er ist gefährlich. Ich stolperte über rutschiges Wurzelwerk, quälte mich an steilen Felsen, kroch durch dichtes Tannenwerk und machte einen unfreiwilligen Spagat. Rote dicke Striemen auf meinem Bauch, aufgeschrammte Knie und ein überspannter Schritt - Nacktwandern ist nicht gesund, auch nicht mediativ und nicht gesellig.
Eckart frohlockte wortlos und führte die Gruppe zum Trudestein.
Zum Trudestein! Dort trafen wir die erste Wandergruppe. Der 1. Frauenkegelverein „Rote Zeche“ aus Bottrop war alles andere als wortkarg. Die Mitfünfzigerinnen rissen Bärenwitze und meinten mit Blick auf meinen geschundenen Körper, dass wäre wohl der Preis für spirituelle Erneuerung. „Nein“, sagte ich, „Ich tue das wegen der Kraftlinien. Die fließen längs durch den Körper und mögen es nicht, wenn etwas quer getragen wird. Deswegen trage ich auch keinen String-Tanga. Der nämlich würde mir den Energiefluss abschnüren.“ „Ohooo“, raunte es im Frauenkegelverein. Weniger homöopathisch meinte nun eine Keglerin mit pausbäckigem Gesicht, dass sich normalerweise Menschen nur nackt machen, um zu vögeln. Die „Rote Zeche“ grölte und ging ihrer Wege.
Diese kleine Episode hob nicht die Stimmung in meiner Wandergruppe. Im Gegenteil. Eckart meinte, durch solche Äußerungen wie die mit dem String-Tanga schade ich der Bewegung. Wir wanderten ernst und wortlos die Brockenstraße hoch zum Gipfel. Dort trafen wir auch wieder Frauen von der Roten Zeche. Es gab ein lautes Juchen und Kreischen. „String, String, Stringstring Tangaaaaa“, sangen sie ausgelassen. Eckart blickte griesgrimmig in die Runde und brummte zum Rückweg. Nach dreistündigem Abstieg abseits der Wege war ich nicht nur äußerlich geschunden. Ich war außer Puste und breit, aber glücklich, meinen Körper mal wieder an seine Grenzen geführt zu haben.
Beim Abschied meinte Eckart, die Gruppe wünsche es nicht, dass ich noch mal mit wandere. Ob es an der String-Tanga-Sache liegt, fragte ich ihn. Nein, es liegt an meiner Mütze. Nackt heißt nackt, also ohne Anziehsachen. Und Mützen seien nun mal Anziehsachen. Meine Entschuldigung, dass ich ohne Mütze schnell rote Ohren bekomme, ließ Eckard nicht gelten. (ole-kein-Nacktwanderer-mehr)
