©Arno Battke
Das Kino hatte seinen weltweiten Siegeszug längst angetreten. Allein in der Stadt Magdeburg gab es Mitte der 1930er Jahre über 20 Kinos, die meisten von ihnen in der Altstadt. In der Wilhelmstadt hatte bereits 1910 das Stummfilmkino „Saxonia“ (Annastr.) eröffnet, ab 1929 waren die Westend-Lichtspiele hinzugekommen, gemessen am Bedarf aber fehlten dem Stadtteil noch Kinos. So kam es, dass die Speditionsunternehmerin Martha Dehne an der Olvenstedter Straße einen Flachbau abreißen ließ, um ein neues Kino zu errichten. Die Bauprojektierung übernahm der renommierte Architekt Carl Krayl, der sich in den 1920er Jahren als Vertreter des Neuen Bauens einen Namen gemacht hatte. Sein Entwurf war ganz in dieser Tradition angelegt, mit Flachdach und einem vertikalen Fensterband für das Treppenhaus.
Sein Entwurf wurde nur zum Teil realisiert. Binnen eines halben Jahres stand der mehrgeschossige Neubau samt dem gut 480 Plätze fassenden Kinosaal. Dazu gehörten auch zwei Schmuckreliefs des Bildhauers Rudolf Wewerka an der Tordurchfahrt zum Hof. Betreiber des Kinos war das Ehepaar Schad, das ihm den Namen „OLi Lichtspiele“ gab. Zur Eröffnung am 9. September 1936 lief die Thrillerkomödie „Eskapade“.
Fünfundfünfzig Jahre später standen mit der deutschen Wiedervereinigung auch die zu DDR-Zeiten verstaatlichten Kinos zur Disposition. Die westdeutsche UFA übernahm 1991 alle Magdeburger Lichtspielhäuser im Paket, aber binnen kürzester Zeit wurden Standorte wie das Theater des Nordens (heute ein Einkaufsmarkt) oder das Theater des Friedens (später IHK) geschlossen. 1997 schloss die UFA auch das OLi, einfach, weil man in der Branche die Zukunft des Kinos in Multiplexen wie dem von Warner Bros. am Pfahlberg gebauten Haus oder dem Cinemaxx am Hauptbahnhof sah.
Jahrelang stand das Haus leer, auch hier gab es Pläne für den Einzug eines Supermarktes. Ab 2002 kursierten dann in der Stadt erste Gerüchte über eine mögliche Wiederbelebung des OLi. Hinter der Initiative stand Wolfgang Heckmann, der seit Jahren eine Sozial-Psychologie-Professur an der Fachhochschule hatte. Der Mann war ein echter „Kinonarr“ und seine Argumentation pro Kino klang so naheliegend wie verrückt: „Ich möchte einfach ein gutes Programm-Kino, dass ich in Stadtfeld zu Fuß erreichen kann.“ Und weil es eben keines mehr gab, war er bereit es selbst anzupacken. Für den Kauf der Immobilie und die Sanierung ging er finanziell „all in“, verkaufte selbst seine Eigentumswohnung.
Nach dem Kauf des OLi‘ fand im Oktober 2003 als sichtbarer Auftakt das erste Hoffest statt, zu dem nicht nur drei Filme gezeigt wurden, es gab auch Theater und fünf Bands spielten. Aber der Weg danach war für Heckmann und sein kleines Team nicht einfach. Beim Umbau bekam das Haus eine zusätzliche Dachetage. Ab 2011 wurde auch die Fassade umfassend saniert. Auch zeigte sich, dass es allein mit Programmkino angesichts wachsender Streaming-Angebote nicht zu machen wäre.
Die Neuausrichtung gelang, auch dank des schier grenzenlosen Enthusiasmus‘ des Gründers. Heute ist es ein Haus, das den Charme der „guten alten Zeit“ bewahrt hat, und unter dessen Dach neben Filmkunst vielfältige kulturelle Formate wie Live–musik, Theater, Partys, Lesungen und Talkformate, aber auch freie Veranstaltungen wie Whiskytastings und Motorradtreffen vereint. Heute ist das OLi quasi das Stadtteilkulturzentrum. Wolfgang hat die Entwicklung auf den Weg gebracht, aber er starb 2019 mit nur 73 Jahren. Wenn das OLi nun 90. Geburts-
tag feiert, wird er sicher von oben zuschauen.
© Engelhardt
Oli-Kino Magdeburg
Olvenstedter Straße 25, 39108 Magdeburg
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