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Die kommende Landtagswahl wirft ihre Schatten voraus, die immer düsterer und bizarrer werden. Aus lauter Verzweiflung und Furcht hat MP-Eleve Sven Schulze nun gemeinsam mit seinem Thüringer Kollegen Mario Voigt in einem Gastbeitrag für die „Welt“ einen höheren Anteil deutschsprachiger Musik im Radio gefordert. Denn Musik sei „mehr als Unterhaltung. Sie ist Sprache, Identität, kulturelles Selbstverständnis. Sie sagt uns, wer wir sind.“ Zunächst einmal ist Musik natürlich Musik und Sprache Sprache, die im übrigen auch kein „Anker“ ist, wie es im KI-unterstützten Text etwas später heißt. Wenn man der deutschen Sprache zu alten Triumphen verhelfen will (wie sie sie vor allem von 1933 bis 1945 feierte), sollte man sie auch korrekt verwenden. Und dass man der deutschen Sprache einen Gefallen tut, wenn man, wie explizit gefordert, mehr Helene-Fischer-Songs spielt, ist dann doch eine sehr gewagte These. Denn auch diese Texte wirken offen gestanden, als hätte sie eine KI verfasst. „Sie sagt uns, wer wir sind“? Helene Fischer? Das will ich für uns alle nicht hoffen. Oder will es jedenfalls nicht für alle von uns hoffen.
Aber mit dem Nachplappern der provinziellen Deutschtümelei der AfD nicht genug. Wenig später versuchte Schulze als jüngster Ministerpräsident der Republik auch noch mit seinem Alter zu punkten, weil sein blauer Herausforderer noch jünger ist als er. Er stellte ernsthaft die These in den Raum, dass ein ostdeutscher Landesvater die Jahre zwischen 1989 und 1992 im Osten verbracht haben müsse. Denn nur dann können er die vielen Brüche in den Arbeitsbiographien und sozialen Verwerfungen begreifen, denen die einstigen DDR-Bürger ausgesetzt gewesen seien und die bis in unsere Tage hinein ihre Schatten würfen.
Als die Mauer fiel, war Sven Schulze 10 Jahre alt, mit spätestens 13 muss es dann den erwähnten Bruch in seiner Erwerbsbiographie gegeben haben, was bedeutet, dass er zunächst in der 6. Klasse abgegangen sein muss. Die folgende Entlassung hat den 13-Jährigen allerdings nicht mutlos gemacht, denn immerhin hat er acht Jahre später sein Abitur abgelegt und danach sogar ein Ingenieursstudium absolviert. Aber dennoch hat dieser Rauswurf ihn offenbar schwer traumatisiert. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er im Februar dieses Jahres unter bundesweiten Protesten eine allgemeine Arbeitspflicht für Bürgergeldempfänger forderte. Viele heutige Bürgergeldempfänger haben diese schlimmen Jahre ja nicht miterlebt (oder jedenfalls nicht im Osten) und wissen daher gar nicht, wie gut man sich fühlt, wenn man arbeitet, selbst wenn es, wie es bei einem 6-Klassen-Schüler ja unvermeidlich gewesen sein muss, nur Hilfsarbeiten sind, wie sie ja auch die Bürgergeldempfänger verrichten sollen. Sie werden diese Arbeit zu lieben lernen, wie alle DDR-Bürger die ihre liebten, obgleich sie eine allgemeine Pflicht war. Und dass aus einem Hilfsarbeiter am Ende sogar ein Regierungschef werden kann, erzählt die große Saga des Sven aus Quedlinburg.
