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Eine von der Stadtverwaltung in Gestalt der Kulturbeigeordneten Regina-Dolores Stieler-Hinz eingebrachte Verwaltungsvorlage hat im Stadtrat für ungläubiges Staunen gesorgt. Die Fassungslosigkeit schlug schließlich in heftige Ablehnung um, zunächst im Kulturausschuss und dann auch im Rat. Die Verwaltung hatte vorgeschlagen, prüfen zu lassen, ob die berühmte (und denkmalgeschützte) Bronzeplastik der „Trauernden Magdeburg“ nicht aus dem Westportal der Johanniskirche entfernt und auf den Alten Markt gestellt werden könne, wo sie als Mahnmal für den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt dienen könnte.
Es hätte eigentlich genügen müssen, die Hinweistafel zu lesen, die direkt neben der Skulptur angebracht ist, um die Absurdität dieser Idee zu erkennen; denn dort steht, dass sie ein „Sinnbild für Leid und Trauer nach der Zerstörung der Stadt von 1631“ darstellt. Im Dreißigjährigen Krieg hatten Propagandaschriften die Jungfrau aus dem Stadtwappen zum Motiv der „Magdeburger Braut“ entwickelt, die sich dem katholischen Kaiser verweigerte, bis dieser sie in Gestalt von Tilly bei der „Magdeburger Bluthochzeit“ mit Gewalt nahm. Die protestantische Märtyrerin trauert mit gesenktem Kopf und hält ein gesenktes, stumpfes Schwert in der Hand. Sie hat wahrlich gute Gründe für ihre Trauer, denn abgesehen von dem bis dahin unbekannten Ausmaß der Gewalt und der Zerstörung, das die Grenzen der Sprache sprengte, so dass mit „magdeburgisieren“ eine neue Wortschöpfung nötig war, erlitt die Stadt damals einen Bedeutungsverlust, von dem sie sich bis heute nicht erholt hat und wohl auch nicht mehr erholen wird.
Diese geschichtliche Dimension mit dem Attentat eines Irren zu vermengen, ja letztlich gleichzusetzen, ist von erschreckender Instinktlosigkeit. So etwas kann nur in einem Kopf entstehen, der das Licht der Welt nicht am Ufer der Elbe erblickt hat. (Oder mal hauptamtlich das bundesweite Haupt der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung war, auch wenn er jetzt in einem „Ketzernest“ tätig ist.) Denn soviel Mühe sich der Attentäter auch gegeben haben mag: er hat nicht (wie Frau Stieler-Hinz‘ katholische Glaubensbrüder) tagelang geplündert, gebrandschatzt, vergewaltigt und gemordet, er hat nicht zwei Drittel der Bevölkerung ausgelöscht und die Stadt nicht komplett in Schutt und Asche gelegt.
Wenn man zudem bedenkt, dass die AfD ungeachtet aller gegenteiligen Erkenntnisse darauf beharrt, dass hier ein Islamist am Werk gewesen sei, würde die Umwidmung oder Universalisierung der Skulptur ja nichts anderes bedeuten, als dass wir auch im Dezember 2024 Gewalt erfahren haben, weil wir unsere Überzeugungen und unsere Lebensweise nicht aufgeben wollten – und das stumpfe und gesenkte Schwert würde bedeuten, dass wir dem Terror erlegen sind und uns nicht mehr wehren können. Denn wie sagte schon Pfarrer Bake bei seinem Kniefall vor dem Dom? „Gewesen ist (…) der strahlende Ruhm der jungfräulichen Stadt!“
