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Unser kämpferischer Ex-Ministerpräsident Reiner Haseloff hat aus dem Ruhestand heraus für Wirbel gesorgt, der sich womöglich gar zum veritablen Sturm im Wasserglas ausweiten könnte. Denn sein Hinweis, dass ein Abiturzeugnis, das in einem von der AfD regierten Bundesland ausgestellt werde, von den Universitäten außerhalb Sachsen-Anhalts vermutlich nicht akzeptiert werden würde, hat beim designierten Wahlsieger für heftige Empörung gesorgt. Die Rede ist von „absolutem Unsinn, Desinformation und Wählereinschüchterung“. Doch damit nicht genug: Hans-Thomas Tillschneider verstieg sich gar zu der Behauptung, dass das Abitur aus Sachsen-Anhalt unter AfD-Obhut zum „besten in ganz Deutschland“ werden würde – zu einem „geistigen Adelsprädikat“. Einer der Wege dahin soll eine Modifizierung des Geschichtsunterrichts sein, in dem das 1871 gegründete deutsche Kaiserreich stärker in den Fokus rücken soll, weil es „als Inspiration und Vorbild“ tauge.
Wenn aber, wie Parteikollege Gauland anmerkte, die zwölfjährige Nazi-Herrschaft in mehr als tausend Jahren ruhmreicher deutscher Geschichte nur ein „Fliegenschiss“ war, dann sind die 47 Jahre Kaiserreich ja auch nicht wesentlich mehr, also allenfalls ein Schiss der Großen Königslibelle, dem mit bis zu elf Zentimetern Flügelspannweite größten fliegenden Insekt in ganz Deutschland.
Dennoch war es natürlich eine große Zeit. Deutschland hatte unmittelbar vor der Reichsgründung die Franzosen besiegt und bekam Reparationen von ihnen, es war um die Hälfte größer als heute (denn zum Staatsgebiet gehörten Gebiete, die heute zu Frankreich, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Polen, Tschechien, Russland, Litauen und den Niederlanden gehören) und Breslau hieß nicht Wroclaw und war nach Berlin und Hamburg die drittgrößte deutsche Stadt. Auch einen „Platz an der Sonne“, also Kolonien hatte Deutschland nun endlich, und Papua-Neuguinea hieß
„Kaiser-Wilhelms-Land“. Der Antisemitismus war signifikant, aber gemäßigt, und wer ihn, wie die „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie, ablehnte, den konnte man mit dem „Sozialistengesetz“ bekämpfen, das vollständig „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ hieß. Das Heer und die Flotte waren wesentlich besser aufgestellt als heute, was zwar nicht verhinderte, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg verlor, aber das lag natürlich nicht am Heer, das bekanntlich „im Felde unbesiegt“ geblieben war, und auch nicht an der Kaiserlichen Marine, die England vermutlich versenkt hätte, wenn sich die Kieler Matrosen im Oktober 1918 nicht geweigert hätten, noch einmal auszulaufen – das lag an den Altparteien, die den tapferen Soldaten in den Rücken gefallen waren.
So großartig und heroisch diese Zeit aber auch war – es bleiben Fragen. Wäre es für eine Partei wie die AfD von Vorteil gewesen, dass damals nur Männer wählen durften? Vielleicht. Aber hätte ihr auch das Dreiklassenwahlrecht, das bis zum Ende dieses Zweiten Reichs galt, genützt? Oder nicht doch eher geschadet? Aber diese Fragen werden im neuen Geschichtsunterricht sicherlich klar beantwortet werden.
