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Der Stadtläufer
In der Mitte der 90er Jahre wurden in der Klausenerstraße die Skelette von 60 toten Männern entdeckt, die bei ihrem Ableben zwischen 18 und 30 Jahre alt waren. Bis auf ihr Alter und ihre Geschlechtszugehörigkeit gibt es trotz zahlreicher forensischer Bemühungen und historischer Vermutungen allerdings bis heute keine weiteren Fakten über die Toten, die sich wissenschaftlich erhärten lassen – weder was den Zeitpunkt noch was die Ursache ihres Ablebens betrifft.
Während in jedem Fernsehkrimi der Todeszeitpunkt schon nach Stunden bis auf die Stunde genau festgestellt worden ist, können sich die Rechtsmediziner in diesem Fall nicht einmal auf das Jahrhundert festlegen. Hieß es zunächst, dass die Toten vermutlich zwischen 1945 und 1960 begraben worden seien, wird inzwischen vermehrt eine Zeitspanne ins Spiel gebracht, die vor dem Anlegen der Straße liegt, das im Jahr 1876 geschah. Mithin würde es sich um preußische Soldaten handeln, die allerdings nicht in der Folge von Kampfhandlungen gestorben sein können, da sich an den Skeletten nicht eine einzige Schuss- oder Stichverletzung nachweisen ließ. Insofern sind auch Exekutionen der Gestapo, die dort bis 1945 residierte, oder des KGB, der ihr unmittelbar nachfolgte, vom Tisch. Auch dass es sich um noch unbekannte Opfer des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 handelt, gilt als widerlegt.
Für die Preußen-Theorie spricht überdies die Tatsache, dass den Toten sämtliche Schneidezähne fehlen, was dem Vernehmen nach daran liegt, dass die Soldaten in der preußischen Schlachtordnung zu Vorladezeiten ihre Pulverkartuschen während des Laufens aufbeißen mussten, um das Pulver auf die Pulverpfanne zu schütten; und weil die Schneidezähne dabei stark belastet wurden, brachen sie häufig aus. Ein Historiker aus dem Saalekreis wiederum meint, dass die 60 Männer verblutet seien, nachdem man ihnen die Zähne ausgeschlagen habe, zumal das Fehlen der Zähne allein ja noch immer keinen Grund für das Ableben der Soldaten liefere.
Dagegen spricht laut forensischer Mehrheitsmeinung der Umstand, dass Nasenbeine, Unterkiefer, Kiefernhöhlen und Jochbeine sämtlicher Skelette intakt gewesen seien, es also keinerlei Begleitverletzungen gegeben habe, die bei einem gewaltsamen Herausschlagen von Zähnen eigentlich unvermeidlich seien. An den Zahnfachlamellen lasse sich erkennen, dass die Zähne nicht herausgeschlagen, sondern von innen herausgebrochen wurden.
Auch hätten die Opfer, um an ihrem Blut ersticken zu können, längere Zeit in Rückenlage fixiert werden müssen, um das Blut nicht ausspucken zu können. Dazu wäre Gewaltanwendung nötig gewesen, die wiederum dazu geführt hätte, dass die Sterbenden geschrien hätten, wofür es keine Zeugen gäbe. Aber vielleicht wurden die Anwohner nur noch nicht gründlich genug befragt. Also: wer hat im Zeitraum zwischen 1840 und 1960 gehört, wie in der Gegend um die heutige Klausenerstraße 60 junge Männer laut geschrien haben? Hinweise bitte an die Redaktion.
