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Der Stadtläufer
Das beliebte Ampelmännchen aus der DDR befindet sich auf dem Rückzug. Schien es zunächst noch so, als würde es (wie sein Kollege, das Sandmännchen) der neuen Gesellschaftsordnung trotzen können, weil es grafisch einfach der bessere Wurf als das alte BRD-Ampelmännchen war, muss es nun einer unheilvollen Allianz aus Lokalpatriotismus und Frauenbewegung weichen. In Magdeburg begann es an der Lichtsignalanlage an der Kreuzung Ernst-Reuter-Allee/Otto-von-Guericke- Straße – und es wird weitergehen.
Die neuen Fußgängersignalmasken beenden zum einen die maskuline Dominanz an unseren Ampeln und sorgen zugleich für Lokalstolz und Heimatverbundenheit. Die Magdeburger Jungfrau in Rot, der Magdeburger Reiter in Grün - eine feine Sache, könnte man meinen. Doch die Motivauswahl wirft natürlich auch Fragen auf. Wieso wird wieder der Frau die unangenehme Aufgabe zuteil, die Fußgänger daran zu hindern, die Straße zu überqueren? Warum steht sie in dieser unserer freiheitlichen Gesellschaft für die Verbotskultur? Illustriert sie die Me-too-Debatte? Bedeutet ihr erhobener roter Kranz „Nein heißt Nein“? Auf dass sie immerfort das bleibe, was sie ist, nämlich Jungfrau?
Und wieso ist es umgekehrt einmal mehr der Mann, der grünes Licht gibt? Warum steht er im überholten Geschlechterklischee für das Vorankommen? Für Freiheit, Abenteuer und schrankenlose Selbstverwirklichung? Und mutet es nicht wie Hohn an, dass er dabei auch noch auf einem hohem Ross sitzt? Warum dürfen die Männer einen Kaiser ins Rennen schicken – und die Frauen nur eine Magd?
Man kann die Motive natürlich auch anders deuten. Die Frau steht für Sorgsamkeit und Geborgenheit, indem sie ihre Kinder, die Fußgänger, vor Gefahren bewahrt. Sie beschützt sie und rettet ihr Leben, denn das Leben zu geben und es zu bewahren, ist ihre vornehmste und ureigenste Aufgabe. Der Mann hingegen stürzt sich auf der Jagd nach Macht und Ruhm blindwütig in Gefahren, und entblödet sich nicht einmal, dabei auch noch unschuldige Tiere in Gefahr zu bringen. (Und nicht jeder ernennt sein Pferd, wie Caligula, dann aus Dank wenigstens zum Konsul). Er will immer noch weiter, der Mann, am liebsten bis in die Geschichtsbücher, so wie Otto der Große es vorgemacht hat.
Und sind eine rote Frau und ein grüner Mann wirklich noch ausreichend? Sollte es nicht auch bei Fußgängerampeln eine Gelbphase geben, in der alle diversen Mitmenschen sich wiederfinden? Der Vorschlag für ein Motiv mit lokalem Bezug muss dann aber aus der LGBTQIA+- Gemeinde kommen. Das sollte allerdings schnell gehen, denn dort herrscht bekanntlich eine unerschütterliche Einigkeit.
