© Kerstin Schomburg
Verabschiedet sich nach 37 Jahren vom Magdeburger Publikum: Kammersängerin Undine Dreißig
Frau Dreißig, 37 Jahre ununterbrochen am gleichen Theater. Das ist selten. Wieso blieben Sie diesem Theater und der Stadt treu?
Es gibt zwei Motive. Ich arbeitete immer unter GMDs und Intendanten, die überaus generös waren, mich niemals überforderten. Ich konnte mich in aller Ruhe entwickeln und tolle Partien singen. Ich habe mich am Haus sehr wohl gefühlt und bekam zudem großzügig die Möglichkeit zu gastieren und zu konzertieren. Der zweite Grund ist privater Natur. Ich bin alleinerziehende Mutter und habe zwei Söhne. Ich hatte mir ein soziales Umfeld aufgebaut. Das gibt man nicht leichtfertig auf. Und außerdem, Magdeburg ist eine liebenswerte Stadt, die sich großartig entwickelt hat.
Gab es in Ihrer Laufbahn Lieblingsrollen?
Das hat sich im Laufe der Jahre gewandelt, aber es gab Favoriten, die haben sich nie verändert: z. B. die Knusperhexe in Humperdincks „Hänsel und Gretel“; der Octavian im „Rosenkavalier“ und die Ortrud im „Lohengrin“.
Was ist in ihrem Beruf wichtiger, die Arbeit mit dem Dirigenten oder mit dem Regisseur?
Das sind zwei Seiten unseres Berufs. Das Timing ist musikalisch und muss eingehalten werden. Das Szenische unterstützt die Musik. Im Idealfall muss es zusammengehen. Wir sind Sängerdarsteller.
Gibt es Situationen, die den Beruf schwer machen?
Es ist ein toller Beruf. Ich durfte eine riesige Spannbreite singen. Aber es gibt Momente, in denen man denkt, ich schaffe das nicht und voller Selbstzweifel ist. An der Lady Macbeth in Verdis Oper bin ich fast zerbrochen. Und, man kann sich nicht erlauben, krank zu werden. Schon ein kleiner Schnupfen kann einen Sänger ausknocken und die Vorstellung ist gefährdet.
Wie funktioniert denn ein Beruf am Theater, wenn man Kinder hat, noch dazu als alleinerziehende Mutter?
Der Vorteil ist, dass wir nachmittags frei haben und für die Kinder da sein können. Schwierig ist es wegen der Abendproben und den Vorstellungen, besonders natürlich, wenn die Kinder klein sind. Ich hatte intensive Unterstützung meiner Eltern, und es gab „Ersatzgroßeltern“. Auch Kollegen aus dem Theater sprangen bei Bedarf ein. Ohne das wäre es nicht gegangen!
Zu ihrem Berufsleben gehörten auch viele Gastspiele. Welche erinnern Sie als besonders?
Mein Engagement bei Pina Bausch. Mit dem Ensemble gastierte ich nicht nur in Wuppertal, sondern auch z. B. in Rio de Janeiro und in Hongkong. Ich bin dem Theater sehr dankbar, dass mir das ermöglicht wurde und in der Zeit ein Gast, den ich bezahlt habe, engagiert wurde.
Pina Bausch steht doch für Ballett und Sie sind Sängerin!
Pina Bausch hat mit ihrem Ensemble zwei Gluck-Opern, „Orpheus und Eurydike“ und „Iphigenie auf Tauris“, vertanzt. Die Sänger standen jeweils an der Seite. Ich habe die Iphigenie gesungen. Als etwas Besonders sollte ich noch meine Zusammenarbeit mit dem Rossiniquartett nennen. Über 25 Jahre tourten wir in romanischen Kirchen entlang der Straße der Romanik.
Ihre letzte Arbeit am Theater Magdeburg ist auf Ihren ausdrücklichen Wunsch die Solorolle in „Pierrot lunaire“ im Melodram von Arnold Schönberg!
Erzählt wird in 21 Liedern nach Texten von Albert Giraud die Geschichte einer Sängerin, die von ihrer letzten Vorstellung kommt und sich nach und nach in diesen Pierrot verwandelt. Es handelt sich um einen Kammermusikabend. Das Spannende daran ist die Verknüpfung von Singen und artifiziellem Sprechen. Das ist sehr schwer, sehr rhythmisch und benötigt eine extreme Genauigkeit. So viele Proben brauchte ich mein ganzes Leben noch nicht. Diese Arbeit wird für mich zur sehr persönlichen, spannenden Reise, als Abschluss meiner Berufslaufbahn genau das Richtige.
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

