© Kammerspiele Magdeburg
Kevin Schulz in "Herrentag"
Breit ist die Bühne und nahezu frei von Requisiten. Mittendrin sitzt einzeln dieser Typ und schaut sich auf einem Screen ein Video an. Darin erinnert sich ein Mann an die Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 und wie er als 13-jähriger in eine Gruppe von Neonazis geriet. Es war die Nacht vor der deutschen Wiedervereinigung. Nach 40 Jahren hatte sich die Deutsche Demokratische Republik endgültig abgeschafft. Die Grenzen standen bereits seit einem Jahr offen, das Land hatte in den wenigen Monaten rasante Veränderungen durchgemacht und manch einem, dem der Ruf der D-Mark anfangs verlockend erschien, schwante bereits, dass es in dieser neuen, freieren Zeit auch reichlich Verlierer geben würde. Als ein Gesicht der gesellschaftlichen Verwerfungen brechen Anfang der 1990er Jahre auch in Magdeburg Hass, Gewalt und Rassismus durch.
In diesem Ein-Personen-Stück beschäftigen sich die Kammerspiele mit den Wurzeln rechter Gewalt und den Trieben, die auch das Heute überschatten. „Gerade in Sachsen- Anhalt, wo junge Menschen zunehmend mit demokratiefeindlichen, rassistischen oder populistischen Strömungen konfrontiert sind, ist es von großer Bedeutung, den Dialog über die Wurzeln und Auswirkungen rechter Gewalt aktiv zu fördern“, beschreibt es Regisseur Jochen Gehle. Er stammt aus Westfalen, hat die Wende nicht erlebt. Über Erfahrung verfügt er dennoch: aus Manja Präkels Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“, hat er vor gut fünf Jahren eine Theaterfassung gemacht. Auch dort ging es um marodierende Jugendbanden in den Wendejahren. Für das Script „habe ich da bereits angefangen, ergänzend nach Zeitzeugen jener Jahre herumzufragen.“
Das Script für sein neues Stück basiert auf eigener Recherche und über Monate hinweg geführten Interviews mit Zeitzeugen. Im Kern geht es um die Morde an Torsten Lamprecht und Frank Böttcher sowie die Himmelfahrtskrawalle 1994. Nicht ohne Grund heißt das Stück „Herrentag“, denn beschrieben wird explizit eine männliche, eine testosteronerfüllte Perspektive. Die Thematik ist kompliziert, denn es sind jene gefühlt gesetzlosen Jahre, in denen sich auch aus den alten Volkspolizisten eine neue Polizei entwickeln musste: „Es geht uns nicht darum, jemanden zu verurteilen, aber eine Versöhnung erfolgt nicht über das Negieren von Tatsachen,“ bringt Gehle seine Absichten auf den Punkt.
Eigene Erfahrungen aus den Wendejahren kann auch Hauptakteur Kevin Schulz nicht einbringen, als die Mauer fiel, war er gerade geboren. Seit 2017, seinem Debüt als „Pinsel“ in „Olvenstedt probierts“, ist er bei den Kammerspielen dabei, nun spielt er die erste große Hauptrolle. In fragmenthaften Epsioden erzählt das Solostück die Geschichte, Michael Magel auf dem Videoscreen macht zusätzliche Personen und Erfahrungen erlebbar. Das Stück ist grundsätzlich aus Opferperspektive erzählt, aus Sicht jugendlicher Punks, die Täterseite bleibt gesichtslos. „Wir schaffen es an diesem Abend nicht, Täter zu individualisieren,“ räumt Gehle ein. Aus seiner Sicht soll es ein Abend werden, „der auch für die funktioniert, die dabei waren."
© Engelhardt
Kulturzentrum Moritzhof
Moritzplatz 1, 39124 Magdeburg
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