© Jens Wolf Ideenformer
Rote Mühle, „weißer Rabe“: Hans-Günther Pölitz, Mastermind der Magdeburger Zwickmühle
Auf der Wand überm Sofa sind die großen Momente im Bild festgehalten: Dieter Hildebrandt war hier oder Björn Engholm, auch Valentin Falin, Karl-Eduard von Schnitzler, Wolfgang Kubicki oder Markus Wolf. Die Talkreihe die inzwischen „frontal aber fair“ heißt, gehörte von Anfang an zum Programm. Von seiner Position auf dem Sofa im Foyer schaut Hans-Günther Pölitz auch auf die Auszeichnungen, die er und sein Haus bekamen: den „Leipziger Löwenzahn“, im Rahmen der Lachmesse. Den „Stern des Jahres“ der Münchner Abendzeitung, den Reinheimer Satirelöwen, den Schweizer „Cornichon“. Mehr noch aber ist es „eine gewisse Freude, länger als ein Vierteljahrhundert auf dem Markt bestanden zu haben“, sagt er und schiebt hinterher: „Frei von Subventionen. Finanziert nur durch die Eintrittsgelder. Insofern sind wir ein volkseigenes Kabarett, wenn man so will.“ Und die Menschen sind offenbar der Ansicht, dass ihr investiertes Geld hier gut angelegt wäre, wie sie das nach den Vorstellungen immer wieder bekunden. Aber die Zuschauergunst war es nicht allein, die das alles möglich gemacht hat. „Ich hab all denen zu danken, die vor, auf und hinter der Bühne mitgeholfen haben. Das funktioniert nur im Kollektiv, wie wir früher gesagt haben. Heute heißt das ja Team“, kalauert Pölitz. Durch Fleiß und Selbstausbeutung und mit viel Mut wie er das bezeichnet, ist es möglich gewesen, diese 30 Jahre voll zu machen: „Heute würde ich unsere damalige Gründung aber eher als Übermut bezeichnen“, sagt er und schaut ein wenig nachdenklich. Der Gründung vorausgegangen waren schwierige Nachwendejahre. Ursprünglich war es Pölitz’ Anliegen, das damals unter städtischem Dach agierende Kabarett „Die Kugelblitze“ in die Marktwirtschaft zu integrieren, „was aufgrund äußerer als auch innerer Probleme nicht gelang. „Als sich das herausstellte, nahm ich ein schon länger bestehendes Angebot aus München an“, fasst Pölitz die schwierigen Nachwendejahre zusammen. „Aber 1994, bei einer letzten Veranstaltung die Michael Rümmler, Kerstin Schult und ich in Magdeburg machten, haben wir unserem Publikum versprochen, ,irgendwann hört ihr wieder was von uns‘.“ Aber auch in den beiden Spielzeiten bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft hat er seine Erfahrungen gemacht. Da durfte er Sätzen hören wie „Jetzt könnt ihr ja den Mund endlich aufmachen.“ Dabei musste man auch dort an viele Zwänge denken: etwa Rundfunkrat oder Kirche. „Die Selbstzensur, der vorauseilende Gehorsam, haben mich gestört. Wenn man Kabarett macht, kann man der Obrigkeit nicht in den Hintern kriechen.“ Diese Erkenntnis erleichterte die Rückkehr nach Magdeburg, wo er zusammen mit Michael Rümmler Ende Februar 1996 die „Magdeburger Zwickmühle“ gründete, das erste private Kabarett im Bundesland. Nun mit dem eignen Haus wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen zu müssen, brachte in den Anfangsjahren manche schmerzvolle Erfahrung.
Am 5. September nun startet die Zwickmühle mit „Lasst uns in Frieden“ in ihre 30. Spielzeit. Wenn man es persönlich nimmt, ist Hans-Günther Pölitz schon 23 Jahre weiter, denn sein Debüt gab er 1972 beim Studentenkabarett „Junge Dornen“ der PH Zwickau. 53 Jahre auf der Bühne. „Für das Politische Kabarett bin ich angetreten, das versuch ich bis zum letzten Atemzug durchzusetzen“, blickt er nicht ohne einen klitzekleinen Anflug von Wehmut in der Stimme zurück. Denn das politische Kabarett ist gefühlt auf dem Rückzug, stattdessen mehren sich die Zahl der Comedians, die vor allem Spaß machen. Und Pölitz? Gemeinsam folgen er und seine Mitstreiter konsequent ihrem Ideal: „Wo Zwickmühle draufsteht, ist auch politische Satire drin“. Aber er ist mittlerweile auch 73 Jahre alt und sein alter Weggefährte Rümmler musste gerade aus gesundheitlichen Gründen die Regie für das Jubiläumsprogramm absagen. „Irgendwann werden wir die weißen Raben sein, aber das ist auch eine geschützte Art.“ Ohne Pointe geht es halt nicht. Zur neuen Spielzeit gehört selbstverständlich auch ein neues Programm, das bezeichnenderweise „Da sind wir aber immer noch“ heißt und am 16. Oktober Premiere hat. Im Trio geben Marion Bach, Heike Ronninger und Hans-Günther Pölitz dabei eine besondere Art von Rückblick. „Wir verwenden dort zwar Sätze, die in den Stücken der vergangenen 30 Jahren bereits gefallen sind – denn die Vergangenheit ist höchst aktuell und lässt durch die Brille der Gegenwart betrachtet die Zukunft erahnen.
Darüber hinaus ist die Saison vielversprechend: Im November ist ein Talk mit „Die Partei“-Gründer Martin Sonneborn. Ilja Richter, HG Butzko und andere haben sich zu Gastspielen angekündigt. Auch die Berliner Distel will ein Zeichen setzen. Und zum Jubiläum im Februar (den 29. gibt es 2026 ja nicht) lassen sich die „Zwickmüller“ bestimmt auch noch etwas Besonderes einfallen.
Saisonstart im Kabarett Magdeburger Zwickmühle: „Lasst uns in Frieden“
Alle weiteren Veranstaltungen sind hier zu finden.

