© Kerstin Schomburg
„Die Holländerinnen“ rückt starke Frauenfiguren in den Fokus
Liebe Clara, ihr steht als Leitungsteam vor eurer letzten Spielzeit in Magdeburg. Als Abschiedsgruß habt ihr noch einmal einen Coup gelandet: Ihr habt die Aufführungsrechte für die Adaption von Dorothee Elmigers preisgekrönten Roman „Die Holländerinnen“ bekommen. Warum dieser Stoff zu diesem Anlass?
Als wir die Spielzeit konzipierten, haben wir nicht darüber nachgedacht, dass das unser Abschied sein könnte. Entscheidend war, dass wir sofort wussten, dass wir den Roman fürs Theater adaptieren wollten, als wir ihn in die Finger bekamen. Jetzt, mit Eindrücken aus den Proben, kann ich sagen, dass es darin auch um die Macht des Erzählens geht. Mein persönlicher Glaube an das Erzählen und die Wichtigkeit von Theater ist während meiner Zeit in Magdeburg gewachsen. Insofern passt der Stoff dann doch sehr gut als Abschluss.
Du hast in Magdeburg ein vielseitiges Werk geschaffen: Gestartet bist du mit einem Barock-Schauspiel, du hast u.a. Stücke für junge Menschen oder deine erste Oper auf die Bühne gebracht und bist zuletzt im komischen Fach gelandet – welche Facette fügt dem nun „Die Holländerinnen“ hinzu? Wir setzen unsere Auseinandersetzung mit starken Frauenfiguren fort. Auf der Bühne werden ausschließlich Frauen – sechs Darstellerinnen und sieben jugendliche Chorsängerinnen – stehen. Der Text weckt eine unbändige, weibliche Kreativität. „Die Holländerinnen“ wird unsere bisher düsterste, aber auch gegenwärtigste Inszenierung in Magdeburg.
In „Die Holländerinnen“ berichtet eine Schriftstellerin davon, wie sie mit einer Truppe Kulturschaffender in den Dschungel gereist ist, um aus dem realen Fall von zwei 2014 spurlos verschwundenen Touristinnen ein dokumentarisches Theaterstück zu entwickeln. Die Recherchereise ist freilich nur der Anstoß für eine Tiefenbohrung in die Abgründe der menschlichen Natur. Macht euch das besondere Freude: ein Theaterstück über die Entstehung eines Theaterstücks zu entwickeln? Ja, das kann man schon sagen. Es ist spannend zu erleben, wie all die Denkkonstrukte der Kulturschaffenden versagen, wenn sie nicht in ihrem gewöhnlichen Habitat sind. Gleichzeitig wird deutlich, wie krass Theatermittel sein können, wenn die Grenzen nicht klar sind, und welche Grenzüberschreitungen oft legitimiert werden mit dem Ziel, ein besonderes Kunstwerk zu schaffen. Da erzählen die Kolleginnen auf der Probe dann schon mal die eine oder andere schmerzliche Anekdote aus ihrem früheren Berufsalltag.
Ihren 160 Seiten dichten Roman schreibt Elmiger fast vollständig im Konjunktiv und hinterfragt damit, wie weit Sprache eigentlich gehen kann. Wie bearbeitet ihr solch einen herausfordernden Text für die Bühne? Uns ist bewusst, dass sich ein Leseerlebnis nie einfach auf die Bühne übertragen lässt. Die grammatikalische Form, die diesen Text als einziges langes Zitat eines Vortrags aufbaut, erzeugt ein grundsätzliches Gefühl des Infrage-Stellens des Gesagten. Wir bleiben diesem Stil größtenteils treu, finden aber auch Entsprechungen, die auf der Bühne eine ähnliche Wirkung erzielen. Wir versechsfachen die Autorin und verbinden die Handlung immer wieder mit der Ebene des Vortrags: All das könnte passiert sein – aber vielleicht ist auch alles reine Erfindung …
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

