Die Semi-Profis vom Wohnzimmertheater legen eine beeindruckende Produktivität an den Tag: Für gewöhnlich bringen sie im Jahrestakt Premieren eines abendfüllenden Schauspiels heraus – oft mit ziemlich herausfordernden Inhalten. Für ihre neue Produktion wollen sie sich Zeit lassen: Wir dürfen uns auf einen wohldurchdachten Kafka zu Beginn des nächsten Jahres freuen.
Damit die Zeit nicht lang wird, arbeiten Darstellerin Kristin Große und Regisseurin Wiebke Kipka parallel an einem Theater-Monolog. Dafür beleben sie ein Stück wieder, das 2020 nach einer einzigen Aufführung den Corona-Auflagen zum Opfer fiel – wo es sich doch ausgerechnet um das „Herzensprojekt“ von Kristin Große handelte: „Die gelbe Tapete“ von Charlotte Perkins Gilman.
Da ist er wieder, der stets mitschwingen- de gesellschaftspolitische Anspruch: Gilman war eine Vorreiterin der amerikanischen Frauenbewegung und hat mit der Kurzgeschichte „Die gelbe Tapete“ von 1892 einen Klassiker der feministischen Literatur geschaffen. Kristin Große hat ihn übersetzt und als Monolog aufbereitet; Joachim Große komponierte stimmungsvolle Musik.
Im Stück wird eine Frau kurz nach der Geburt ihres Kindes vom wohlmeinenden Ehemann aufs Land geschickt, wo sie sich, isoliert in einem Zimmer mit – nunja – gelber Tapete, durch Nichtstun und Reizarmut erholen soll. Eine typische „Ruhekur“ gegen weibliche „Hysterie“. Knapp 150 Jahre später ist die Medizin der Psyche weiter, würde die Symptome der Frau sicherlich als postnatale Depression betiteln und hoffentlich nicht auf Isolation setzen. Wobei: Auch heute bleiben postnatale Depressionen oft undiagnostiziert: Immer wieder wird bagatellisiert, wenn Frau sich nicht uneingeschränkt über ihr Neugeborenes zu freuen vermag. Und genau zu diesem Tabu hofft das Wohnzimmertheater beim Publikum Erkenntnisse und Gespräche anstoßen zu können.
Dazu lädt es pro Vorstellung gerade mal 20 Zuschauende ein, in sehr intimem Rahmen um die gelbe Tapete Platz zu nehmen und der Protagonistin durch das „Horrorszenario mit feministischer Note“, wie Große es nennt, zu folgen: Zwischen Einsamkeit, Wahn und Selbstermächtigung beginnt diese, Dinge in die gelbe Tapete hinein zu halluzinieren. Dafür kommt in der Inszenierung Schwarzlicht zum Einsatz – eine der Neuerungen, die Wiebke Kipka der Umsetzung von 2020 hinzugefügt hat. „Da viele Dinge der vorhandenen Inszenierung bereits funktionieren, kann ich auf andere Weise kreativ werden als sonst“, beschreibt sie den Arbeitsprozess. Das Ende der Ruhekur lässt Interpretationen offen – und dürfte erneut bewirken, was das Wohnzimmertheater in früheren Inszenierungen erlebt hat: „Unsere Stücke bewegen viel – aber sie triggern auch.“ Und bestenfalls brechen sie mit Tabu-Themen.
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