© Nilz Böhme
Emil & die Detektive
Auf dem Weg von Neustadt Dosse nach Berlin wird dem kleinen Emil Tischbein (Ralph Opferkuch) Geld gestohlen.
Es sind Zutaten für eine spannende Detektivgeschichte á la Sherlock Holmes. Eine Zugfahrt. Ein Diebstahl mit Folge: Ein kleiner, hilfloser Junge strandet in der Großstadt. Nun müsste eigentlich der Moment kommen, in dem der gewiefte Ermittler, natürlich ein Erwachsener, dem kleinen Jungen hilft und der seiner Großmutter das gestohlene Geld am Ende übergeben kann. Allerdings ist es Erich Kästner, der den kleinen Emil Tischbein von Neustadt an der Dosse in die Großstadt Berlin mit dem Zug auf die Reise schickt. Die Kinder sind beim bekannten deutschen Kinderbuchautor Erich Kästner nicht hilflos. In Robin Telfers rasanten Inszenierung von Kästners Buch "Emil und die Detektive" am Schauspielhaus Magdeburg ergreifen natürlich auch Emil und seine Freunde die Initiative und fahnden nach dem Dieb.
Die Nebelschwaden lichten sich. Menschen rennen aufgeregt hin und her. Alle tragen sie schwarze Hüte, mal Melonen, mal Borsalinos. Mittendrin: der junge Emil Tischbein. Schon bei der Ankunft seines Protagonisten in Berlin lässt Regisseur Robin Telfer keinen Zweifel an der hektischen Metropole und der Schwierigkeit den Dieb Herr Grundeis (Oliver Chomik) zu finden. Denn auch er trägt eine Melone, an viel mehr kann sich Emil kurz nach der Entdeckung des Diebstahls auch nicht erinnern.
Ralph Opferkuchs Emil wirkt zwischen all der Bewegung auf der Bühne verloren. Schultern angezogen, der Blick aufgeregt nach links und rechts. Und doch ist da diese naive Entschlossenheit, die Opferkuch seiner Figur verleiht. Sie ist es auch die Emil letztendlich die Verfolgung von Herrn Grundeis aufnehmen lässt.
Ehrliche und sympathische Kinderfiguren
Wir wissen: Allein bleibt er dabei trotzdem nicht. Ein zentrales Thema von Kästners Buch ist Freundschaft. Und die bricht über Emil mit einem lauten Geräusch herein, einer Hupe. Der berlinernde Gustav (Konstantin Lindhorst), der halbstarke Krummbiegel ( Raphael Gehrmann), die sympathische Pony Hütchen (Sonka Vogt), die gewiefte und planungssichere Professorin (Jenny Langner), der impulsive Mittenzwey (Alexander von Säbel) und der kleine Dienstag (Philipp Quest) - alles Figuren mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Charakterzügen. Konfliktpotential ist da vorhanden. Das lässt Telfer bei den kleinen Revierkämpfen zwischen Krummbiegel und Mittenzwey immer mal durchblicken- erst recht, wenn es um ein Mädchen geht. Doch ernsthaft Sorgen macht man sich nicht, dass das friedliche Miteinander der kleinen Gemeinschaft gefährdet ist. Viel eher muss man über das ungeschickt wirkende Aufplustern der zwei Pubertierenden schmunzeln. Nicht anders als Quest seinen Dienstag gegen den Telefondienst rebellieren lässt. Nach Hause gehen, um am Telefon darauf zu warten, das etwas passiert, will Dienstag nämlich nicht. Stattdessen übt er sich mit einer naiven Selbstsicherheit im auffälligen Heranschleichen an die gesuchte Person. Es sind die unkontrollierten Impulse, die lauten und leisen Momente der Kinder und nicht zuletzt die Darstellung des Ensembles, welches Kästners Kinderfiguren auch in Telfers Inszenierung so ehrlich und sympathisch werden lassen.
Immer an der Seite der Kinder: Erwachsene, die weniger als Helfer fungieren, sondern eher das Berliner Leben der Zwanziger Jahre charakterisieren. Das Ensemble schlüpft dafür in verschiedene kleine Rollen. Da ist Peter Wittig als Blumenverkäufer mit Berliner Schnauze, der sich gern zu einfachen, aber humorvollen Wortspielen hinreißen lässt. Da ist Susi Wirth als Straßenmusikerin mit Akkordeon zu hören, die Knickerbocker, Kniestrümpfen und Melonen noch den originalen Sound verleiht.
Alles ordnet sich der Zugfahrt unter
Die Verfolgung des Herrn Grundeis, den Oliver Chomik recht unbedarft seinen Weg durch Berlin ziehen lässt, führt die Kinder in ein Café, eine Hotellobby und nicht zuletzt eine Bank. All diese Orte gliedern sich in das von übergroßen Fahrkartenmotiven dominierte Bühnenbild von Bühnenbildner Steven Koop ein. Die Symbolik ist klar: Emils Fahrt nach Berlin zieht all die Ereignisse mit sich. Alles andere wird auf die Bühne geschoben, gedreht oder aufgeklappt. Es muss schnell gehen, schließlich wechselt Herr Grundeis mit der gleichen Geschwindigkeit seinen Aufenthaltsort.
Wer braucht schon Sherlock Holmes, wenn er Emil Tischbein und seine Berliner Freunde hat. Die Pointen und lockeren Witze sitzen bei Robin Telfer Inszenierung von Kästners "Emil und die Detektive". Die Kinder lachen, aber auch die Erwachsenen. Es ist keine Inszenierung nur für die Kleinen. Schließlich betonte Kästner immer wieder, das "nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch." Es ist ein generationsübergreifende Zeitreise in die Vergangenheit, in die zwanziger Jahre. Aber nicht zuletzt ist es besonders für die Erwachsenen auch der Weg zurück in eine abenteuerlustige Kindheit, die noch einmal vor Augen führt, wie wichtig doch Freundschaft und Familie auch in den schwierigen Momenten ist.


