© Marco Sensche
Was, wenn Kinder selbst Regeln aufstellen dürfen, eine Kinderzeitung schreiben und Streit vor einem Kindergericht klären? Anfang des 20. Jahrhunderts waren solche Ansätze revolutionär. Der Arzt, Schriftsteller und Reformpädagoge Janusz Korczak und die Pädagogin Stefania Wilczyńska setzten diese Leitgedanken 1912 in die Realität um. Drei Jahrzehnte lang führten sie das jüdische Waisenhaus Dom Sierot in Warschau. Teils schwer traumatisierten Mädchen und Jungen gaben sie nicht nur Schutz, sondern auch die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten. Die Kinder zwischen sieben und 14 Jahren konnten zur Schule gehen, Sport treiben, Theater spielen oder musizieren. Es war eine kleine Kinderrepublik mitten in einer Zeit, in der Kinder kaum eigene Rechte besaßen.
Regisseur Pierre Schäfer richtet im Stück den Blick besonders auf die Biografie von Stefania Wilczyńska. Ihre Arbeit stand lange im Schatten des berühmteren Pädagogen Korczak. Briefe und Berichte zeigen jedoch, wie bedeutend ihre Rolle war. Während Korczak abwesend war, führte sie das Waisenhaus allein, organisierte und war Pädagogin und Ansprechpartnerin für die Kinder. Schauspielerin Anne Struve und Puppenspieler Lennart Morgenstern treten auf der Bühne als Erzähler auf und schlüpfen dabei immer wieder in die Rollen der Pädagogen.
Im August 1942 wurden Korczak, Wilczyńska, ihre Mitarbeiter und rund 200 Kinder nach Treblinka deportiert und ermordet. Beide Pädagogen hatten die Möglichkeit sich zu retten, doch sie entschieden sich, bei den Kindern zu bleiben. „Ich bin zu der Überzeugung gelangt, es existiert zehnmal mehr Gutes als Böses“, schrieb Korczak. Er betrachtete die Welt aus kindlicher Perspektive und hatte somit eine Haltung, die seiner Zeit weit voraus war.

