© Kathrin Singer
Der Nazi und der Frisör
Susanne Lietzow inszeniert den Roman vom Berliner Edgar Hilsenrath in einer Uraufführung.
Beim Lesen stockte Susanne Lietzow förmlich der Atem. So aktuell klangen ihr Edgar Hilsenraths Sätze seines 1971 in den USA erschienenen Romans, der die Stimmung auf den Versammlungen mit dem Führer so beschreibt: „Hier sind alle versammelt, die irgendwann mal eins aufs Dach gekriegt haben, vom lieben Gott oder von den Menschen. … hier sind die verkrachten Existenzen – auch die Kurzatmigen und die Arschlecker von Beruf, Leute die im Leben nicht richtig vorwärts kamen, weil sie keine Puste hatten, und die Glatzköpfe, auch die sind hier versammelt, und auch die zu dünnen und die zu dicken, Leute mit zu kurzen Beinen, die zu alten, die Perversen ohne Partner und die Impotenten, Leute mit Würgerhänden, die bisher nicht würgen durften, weil ihnen gesagt wurde, sie dürften nur streicheln ...“
Wie wahnsinnige Geschichtsclowns
Den Roman hatte die Regisseurin bereits in den 1980er Jahren in einer Bibliothek entdeckt. Jetzt hat sie sich an den Stoff erinnert. Trefflicher lassen sich die Befindlichkeiten der heutigen „Spaziergänger“ aller Couleur nicht beschreiben. „Das ist MAGIDA pur“, sagt Lietzow, die den Originaltext Hilsenraths als eine Bestätigung dessen liest, wie Menschheit funktioniert. „Es wird, damals wie heute, völlig unreflektiert argumentiert. Das ist grotesk-komisch, wie sie im Roman Hitler aus dem Himmel zurückholen wollen. Die Figuren kommen mir vor wie wahnsinnige Geschichtsclowns.“
Es dauerte lange, bis 1977, bis der Roman in Deutschland wahrgenommen wurde, wohl auch, weil es sich um eine ungewohnte scharfe Satire aus der Täterperspektive handelt. Die Geschichte ist so ungeheuerlich wie absurd, dennoch etlichen „Wendehals“-Geschichten aus der Zeit des DDR-Endes verblüffend verwandt. Der deutsche SS-Massenmörder Max Schulz übernimmt nach Kriegsende die Identität und damit Opfergeschichte seines jüdischen Jugendfreundes und Friseursohnes Itzig Finkelstein und wandert auf der Flucht vor juristischer Verfolgung für seinen Freund nach Palästina aus. Dort macht er, trotz seines ungebrochenen SS-Idealismus, problemlos Karriere in der israelischen Gesellschaft.
Rasanter Rollenwechsel
Sieben Schauspieler, darunter nur eine Frau, stellen in rasanten Rollenwechseln etwa 60 Figuren auf die Bühne und unterstützen damit den schwindelig machenden Identitätswechsel, die Metamorphosen des Anti-Helden Max Schulz. Dass der Roman nicht schon viel früher für die Bühne entdeckt wurde, ist auch Susanne Lietzow ein Rätsel: „Die Figuren sind so kraftvoll und haben so viel Fleisch, der Roman ist äußerst dialogisch angelegt. Es gibt wenige Romane, die so für die Bühne geeignet sind wie dieser.“
Edgar Hilsenrath, Jahrgang 1926, lebte heute hochbetagt in Berlin. Das Regieteam hat Kontakt zu ihm aufgenommen und ihn zur Premiere eingeladen. Susanne Lietzow: „Ich glaube, er freut sich, dass sein Roman doch noch auf die Bühne kommt.“
Der Nazi und der Friseur, Uraufführung: 2. Mai, 19.30 Uhr, Schauspielhaus/ Bühne; weitere Termine

