© Nilz Böhme
Joel Dettori tanzt den Nathanael
Als Gegenstück zu der sich ab Ende des 18. Jahrhunderts ausbreitenden Aufklärung entwickelte sich in der englischen Literatur jener Zeit die Schauergeschichten. Durch sie wurde das von der Rationalität der Aufklärung verdrängte Übernatürliche und Unkonventionelle wieder aufgenommen. Der Schrecken wurde dabei zur bewusst geschaffenen ästhetischen Ware, die sich gut verkaufen ließ.
Im Stile dieser schwarzen Romantik brachte E.T.A. Hoffmann 1816 seinen „Sandmann“ heraus. Im Mittelpunkt der Erzählung steht Natanael, der in seiner Kindheit durch die Angst vor dem unheimlichen Sandmann geprägt wurde. Das Kindermädchen hatte ihm Schauergeschichten erzählt, auch dass der Sandmann die Augen der Kinder stiehlt. Ihm gibt er auch die Schuld am Tod seines Vaters. Gleichzeitig verliebt er sich tief in die scheinbar perfekte, aber emotionslose Olimpia. Als er erfährt, dass es sich bei ihr nur um eine mechanische Figur handelt, treibt ihn der Schock an den Rand des Wahnsinns.
Nun bringt Jörg Mannes den „Sandmann“ als Ballett auf die Bühne. Erstmals kooperiert das Ballettensemble dabei mit dem Puppentheater der Stadt. Als Puppenspieler stehen Florian Kräuter, Freda Winter und Anna Wiesemeier auf der Bühne, hinzu kommen Puppenspiel-Studenten der Hochschule Ernst Busch. „Schon seit 2022 hatten wir den Plan, eine gemeinsame Produktion mit dem Puppentheater zu machen“, beschreibt Mannes das Zustandekommen der Kooperation. Von Anfang an ging es dabei um einen Stoff der schwarzen Romantik. Die Wahl fiel schließlich auf den „Sandmann“, dessen Geschichte „verwirrend, reizend, zum Nachdenken anregend ist“, beschreibt es Mannes. Bei der gemeinsamen Stückentwicklung kristallisierte sich schnell heraus, „dass wir die Geschichte anders erzählen müssen, weil wir beim Tanz die Sprache nicht zur Verfügung haben.“
So folgt der Einsatz der Puppen an Stellen, an denen man es nicht erwartet. Anders ausgedrückt: Die Puppen werden eher das Surreale darstellen und nicht die Rollen der leblosen Figuren übernehmen. Auch geht es darum, Charaktere quasi aufzuteilen. Die mechanische „Olimpia“ wird so durch nicht weniger als sechs Tänzer dargestellt. Letzlich geht es dabei um die Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der Figuren.
Als Spielort haben Mannes und sein Team die große Bühne im Schauspielhaus gewählt: „Letztlich geht es uns dabei um die notwendige Nähe zum Publikum.“Auch Hauptfigur Nathanael wird in zwei Figuren auf der Bühne präsent sein: einmal natürlich als realer Tänzer. Und wenn sich am Schluss der Geschichte Nathanael vom Turm stürzt – auch als Puppe.
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

