© Kerstin Schomburg
Wortgefechte im Ruhrpott- und Harzdeutsch: „Indien“
Regelmäßig gibt das Theater Magdeburg Künstlern den Raum, sich außerhalb ihrer eigentlichen Profession auszutoben. Nun ist es Leitungsmitglied Bastian Lomsché, seines Zeichens begnadeter Dramaturg, der die Perspektive wechselt und sich im Regiefach versucht. „Ich hatte das Gefühl, ich muss das mal gemacht haben – um die Prozesse noch besser zu verstehen“, sagt er. Es sei nämlich ein Unterschied, als Regisseur für jede Entscheidung auf der Bühne verantwortlich zu sein – oder als Dramaturg eher beratend zur Seite zu stehen. Wenn schon Regie, das war für Lomsché klar, dann auf jeden Fall eine Komödie. „Ich kann nichts ernst nehmen, was keinen Humor hat, das ist so ein theaterinternes Credo bei uns.“ Außerdem habe er „Bock auf richtige, deftige Figuren“.
Gefunden hat er die in einem österreichischen Klassiker: der Tragikomödie „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer, welche 1993 auf Basis des Theaterstücks verfilmt (und mithin berühmt) wurde. Hader und Dorfer verkörperten darin die Hotelkritiker Heinz Bösel und Kurt Fellner, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber wohl gerade deshalb wie füreinander geschaffen sind. Aus zwei Einzelgängern erwächst über geteilte Mahlzeiten, Beziehungsprobleme, Autofahrten und Betrügereien eine herzerwärmende Freundschaft, die auch Extremsituationen überdauert – und metaphorisch bis nach Indien führt. Genau dieser Blick unter die Oberfläche interessiert Lomsché: „Josef Hader zeigt oft Figuren, die vermeintlich eindeutig zu lesen sind, die bieder, grantig oder eigenbrötlerisch erscheinen. Diese Figuren entwickeln aber unvermutete Menschlichkeit, offenbaren ein warmes Herz und große Zugewandtheit. Ich finde, das mahnt uns, Menschen nicht aufgrund des ersten Eindrucks abzustempeln. Das können wir uns in unserer zerrütteten Gesellschaft nicht mehr leisten. Wir müssen uns die Mühe machen, nach dem Menschlichen im Gegenüber zu suchen.“
Allerdings sei das Stück „an manchen Stellen nicht gut gealtert“. Das im Film vermittelte Männerbild, das mit einer gehörigen Portion Sexismus daherkommt, sei nicht mehr ungefiltert umsetzbar. Lomsché erforscht es darum aus der Distanz: indem er die Rollen mit Frauen besetzt. Die Charakterdarstellerinnen Bettina Schneider und Iris Albrecht sind prädestiniert dafür, sämtliche Nuancen zwischen Komödie und Tragödie, zwischen Feind- und Freundschaft zu geben. Statt im ursprünglich österreichischen Dialekt werden sich die beiden ihre Wortgefechte herkunftsgemäß mit sprachlichen Eigenheiten aus Ruhrpott und Harz liefern; die Dienstreise führt statt durchs niederösterreichische durchs sachsen-anhaltische Gebirge. Eine Region mit reichlich nostalgischem Charme, der sich in der Bühne von Louisa Robin wie in einem Polly-Pocket-Spielzeug detailreich und verspielt auffalten wird. Begleitet von viel Musik „von schlimmen Schlagern bis Brahms“ werden sich Bösel und Fellner also durch leicht aus der Zeit gefallene Harz-Gasthäuser testen – und dabei auf typisch schwarz-humorige Hader-Art das Gute im Menschen entdecken.
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

