© Kerstin Schomburg
Uraufführung: Von Norden rollt ein Donner
Es ist einfach ein Match: Jede Zusammenarbeit des Ensembles mit Jan Friedrich wurde bisher zu renommierten Festivals eingeladen – „Blutbuch“ zuletzt gar zum Deutschen Theatertreffen. Kann da noch was kommen? Es kann. Friedrich ist einer, der ein gutes Gespür für virulente Stoffe besitzt und sich gern neuen Herausforderungen stellt. Diesmal wurde er angefixt vom Roman eines Altersgenossen mit ebenso großem Spürsinn, der es 2024 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat: „Von Norden rollt ein Donner“ von Markus Thielemann.
Der titelgebende Donner stammt vom Testgelände des Waffenherstellers Rheinmetall – angesiedelt in der Lüneburger Heide. Hierhin hatte es Thielemann durch ein Arbeitsstipendium des Landes Niedersachsen verschlagen, hier spielt auch sein Roman. Bereits dieses (reale!) Setting entbehrt nicht einer ziemlichen Ambivalenz: Waffenklirren in der beschaulichen Landschaft. Es ist nicht der einzige Schatten, der sich in die Heimatidylle mischt. „Das Faszinierende am Roman ist der Genremix“, schwärmt Friedrich. „Ich würde das so beschreiben: Dokumentarfilm meets David Lynch meets Coming-of-Age.“ Beinahe hyperrealistisch beschreibe Thielemann Orte, Menschen und Geschichte(n) der südlichen Heide des Jahres 2014 (zur Erinnerung: vor der großen Flüchtlingswelle, aber kurz nach Gründung der AfD). Der 19-jährige Schäfer Jannes verzweifelt an Erbe, Traumata und Zerwürfnis seiner Familie: Der Großvater kann mit den modernen Entwicklungen nicht Schritt halten, die Schwester lebt längst in der Großstadt, die Großmutter leidet an Demenz, der Vater an neurologischen Beschwerden – während die Touris von der wunderbaren Schlichtheit des Landlebens faseln. Und dann ist da noch diese diffuse Bedrohung durch etwas, das hier nicht hingehört: Der Wolf soll zurückgekehrt sein und die Existenz der Schäferzunft bedrohen.
„Am Beispiel des Wolfes verhandelt der Roman die Entstehung von Bedrohungsszenarien und wie diese von rechten Kräften ausgenutzt werden“, erklärt Friedrich. Der zugezogene Nachbar, der völkischem Brauchtum frönt, schlägt vermeintlich einfache Lösungen vor, denen sich auch Teile von Jannes‘ Familie nicht entziehen können. Noch diskutiert die Dorfversammlung nur über den Umgang mit dem Wolf – doch bis zu einem weiteren Feindbild ist es ein kleiner Schritt. „Es ist ein fesselndes Buch, ein regelrechter Thriller mit Fantasy-Elementen wie geisterhaften Erscheinungen und unausgesprochenen Geheimnissen, in dem Ängste verdrängt und Konflikte unter den Teppich gekehrt werden“, erklärt Friedrich. Stoff also für die Stärken des Regisseurs: scharfsinnige Analytik gesellschaftlicher Gemengelagen gepaart mit großem Theaterzauber – Thielemann, für den es die erste
Theateradaption eines seiner Werke sein wird, darf sich freuen. Das Videomaterial steht schon. Dafür haben Friedrich und sein Team selbst Schafe über die Heide getrieben.
Zur Uraufführung: „Von Norden rollt ein Donner“
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

