© Kathrin Singer
Kevin Rittberger und Sebastian Nübling
Eigentlich muss man es nicht noch einmal sagen: Nein, die Tat wird nicht nachgespielt. Nein, niemand bereichert sich hier am Leid der Opfer. Stattdessen geht es um das, was in solch einem Ausnahmezustand wohl das schwerste und zugleich das wichtigste ist: um Heilung.
Autor Kevin Rittberger hat Anfang des Jahres ein Buch herausgebracht, in dem er das Potential von Theater aufzeigt, in dunklen Zeiten zur gesellschaftlichen Heilung beizutragen. Parallel dazu hat er an jenem Stück gearbeitet, mit dem das Theater Magdeburg genau das in die Praxis umzusetzen versucht: indem es der Stadtgesellschaft mit den Mitteln der Kunst einen Raum zur Traumabewältigung öffnet – und indem es Menschen einbezieht, deren Schicksal unmittelbar mit dem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt am 20. Dezember 2024 verbunden ist. Dass dies keine Augenwischerei ist, bezeugen der immense Aufwand und die große Sensibilität, die dafür aufgebracht wurden:
Mehr als ein Jahr lang ist Kevin Rittberger alle paar Wochen für einige Tage nach Magdeburg gekommen, hat mit Opfern, Hinterbliebenen, Seelsorgern, Ersthelferinnen, Anwälten, Protestierenden, Migrantenorganisationen gesprochen. Mit rund 50 Personen war er in direktem Kontakt. Einige von ihnen hat er immer wieder besucht, hat ihren Trauerprozess und ihren Weg in Richtung Heilung begleitet. „Heilung ist kein linearer Prozess“, sagt er. „Sie verläuft in Kurven und bei jedem individuell. Ich habe Menschen getroffen, die meinten, dass Magdeburg in der Vergangenheit schon genug Katastrophen erlebt hätte und diese nicht auch noch verkraften könne – und welche, die sagten, wenn das jemand packt, dann wir. Ich habe Menschen getroffen, die ihre Wut über die Zeit zu kanalisieren lernten, welche, die erst nach vielen Monaten bemerkt haben, dass sie Hilfe brauchen, und solche, die bis heute nicht wieder in ihren Alltag zurückgefunden haben.“ Immer wieder hat Rittberger gefragt: Welche Strategien können helfen, die Wut, die zum Trauerprozess dazugehört, zu transformieren? Inwiefern – und wie lange – identifiziert sich eine Person als Opfer? Und wie gelingt es ihr, wieder Teil der Gesellschaft zu werden?
Es sind dies gesamtgesellschaftliche Fragen, welche ganz konkret die Zeugen des Anschlags – aber eben längst nicht nur diese – berühren. Rittberger hat seine Gespräche darum nicht eins zu eins aufgeschrieben, sondern künstlerisch überformt. Seine Figuren sind von realen Menschen inspiriert, aber fiktiv – etwa eine Malerin in ihrem Atelier, eine Krankenschwester, ein Trauerkreis, eine Gruppe von Seelsorgern. Oder Einer, der einfach nur ein Eis essen gehen wollen würde, aber nicht weiß, wo, da sich das überall irgendwie falsch anfühlt. Das Publikum wird sie durch unterschiedliche Phasen ihrer Trauer begleiten.
Sebastian Nübling, einer der großen Regisseure des deutschen Theaters, war nicht bei der Recherche zum Stück dabei. Er kommt mit dem nötigen Abstand, um den aufgeladenen Text gemeinsam mit seinem 10-köpfigen Ensemble in den Kunstraum Bühne zu übersetzen. Behutsam wird er seine Darstellenden durch Rittbergers 60-seitige „Stimmenpartitur“ navigieren, Einzelstimmen aus chorischen Passagen herauslösen und wieder einweben – und dadurch das komplexe „Stimmungsbild“ einer Stadt erschaffen. Einer verwundeten Stadt, die einen weiteren Schritt in Richtung Heilung vielleicht auch durch das Theater schafft.
Und was bleibt nach der Premiere? Das Theater Magdeburg plant, die Vorstellungen mit Nachgesprächen zu flankieren. Und der Kontakt von Rittberger zu seinen Gesprächspartnern besteht weiterhin – genau wie seine Einladung: „An alle, die etwas mit mir teilen möchten, auch Kritik, Wut und Fragen: Ich bin ansprechbar.“
© Nicole Eggeling
Schauspielhaus/Theater Magdeburg
Otto-von-Guericke-Straße 64, 39104 Magdeburg
Theaterkasse: eine Stunde vor Vorstellungsbeginn

