© Majestic Daniel Gottschalk
"Dann passiert das Leben" mit Anke Engelke
Frau Engelke, hätten Sie eine Rolle wie diese schon vor 15 Jahren spielen können und man hat Sie nur nicht gefragt oder brauchte es die Zeit, um sich zu entwickeln?
Gute Frage. Rita ist Ü60. Hätte ich eine Rolle mit dieser Tiefe schon mit 40 spielen können? Aber liegt nicht allen Rollen eine Tiefe zugrunde? Als ich anfing vor der Kamera zu schauspielen war ich schon 30, das war bei der „Wochenshow“. Und die erste Kinorolle gab mir Detlev Buck 1999 in „LiebesLuder“ - da war ich Mitte 30. Bei der „Wochenshow“ habe ich die kleinen Sketchrollen bereits genauso ernst genommen, wie eine Rolle, die wir über 90 Minuten erleben. Vielleicht bin ich da sehr streng, aber ich nehme eine Figur und ihre Biografie auch dann ernst, wenn zum Schluss netto nur eine Minute und zehn Sekunden übrigbleiben bei einem. Ohne ein Fundament aus Biografie, Recherche und/oder Beobachtungen könnte ich wohl gar keine Rolle spielen. Vielleicht kann ich die Frage, ob ich mir das vor 15 Jahren schon zugetraut hätte, mit „Ja“ beantworten. Das klingt unangenehm überheblich, aber ich glaube schon. Mich hat ja schon immer sehr interessiert, was einen Menschen ausmacht. Da ist mir beim Spielen das Genre fast egal.
Man weiß zu Beginn nicht, in welche Richtung sich die Handlung entwickeln wird. Kannten Sie die Eckpfeiler der Geschichte im Vorfeld oder haben Sie sich beim Lesen des Drehbuchs überraschen lassen?
Ich habe das Drehbuch in einem Rutsch durchgelesen. Das hat solch eine Sogkraft gehabt, dass ich es nicht weglegen konnte. Insofern wusste ich, was auf mich zukommt. Aber das war nur der Anfang des Prozesses. Ich hatte keine Ahnung, ob ich dem gerecht werden, so etwas spielen oder als Paar mit Ulrich Tukur die notwendige Chemie entwickeln könnte. Viele Unbekannte in dieser Rechnung also, aber dieses Drehbuch ist das perfekte Fundament.
Kannten Sie Herrn Tukur bereits und wie haben Sie sich gemeinsam auf Ihre Ehe vorbereitet?
Auf unsere Ehe! (lacht) Ulrich und ich sind uns bei einer Berlinale begegnet. Ich denke mal, dass das zehn, vielleicht zwölf Jahre her ist. Er trat mit seiner Band „Die Rhythmus Boys“ auf. Da haben wir uns bei den Proben kurz unterhalten und uns später bei der Eröffnungsveranstaltung gesehen. Das hat schon gut zwischen uns geklappt. Wir standen einander nicht schweigend mit Fragezeichen auf der Stirn gegenüber. Wir haben festgestellt, dass wir beide Literatur- und Sprachwissenschaften studiert, aber unser Studium nicht abgeschlossen haben. Wir sind beide wahnsinnig musikaffin. Wir lieben englisch- und deutschsprachige Literatur. Wir sind beide sehr technologie-aufgeschlossen, haben aber dennoch beide kein Smartphone. Wir neigen zu Sentimentalität und sind manchmal nostalgisch. Er noch mehr als ich, aber er ist auch ein bisschen älter. Wir lieben Italien – er lebt dort. Wir haben auch beide eine Affinität zu Kanada, wo ich wiederum gelebt habe. Ich bin dort geboren. All das wussten wir nicht voneinander.
Hat Sie Neele Leana Vollmars Besetzungsidee trotzdem überrascht?
Ja, uns beide. Wie konnten wir ein Ehepaar werden? Auch da kommen wir wieder zum Drehbuch als Fundament und Basis zurück. Wenn ich die Ehe dort auf dem Papier glaube, kann ich sie mir auch bei lebenden Menschen vorstellen. Und dann ist es unsere Aufgabe, die Rollen ernst zu nehmen und bei den Proben die Feinheiten rauszuarbeiten. Wir mussten schauen, wie ihr Alltag aussieht, wie sie miteinander umgehen und reden. Wie finden Berührungen statt, wenn sie stattfinden? Und wenn nicht, warum nicht? Das ist eine unglaublich schöne Phase in unserer Arbeit. Und das geht nicht nur Schauspielenden so. Sie werden es auch aus Schulzeiten kennen. Ob in der Theater AG, bei irgendeinem Quatsch oder zu Karneval oder Fasching: Jede und jeder verkleidet sich mal, um jemand anderes zu sein. Und mir kann keiner erzählen, dass das nicht Spaß macht.
Bevorzugen Sie Filmemacher, die Ihnen strenge Vorgaben geben oder brauchen Sie Ihren Freiraum?
Darf ich ein bisschen ausweichend antworten? Dann nehme ich Antwort C: P rojektabhängig. Ich mag es gerne, wenn die Regie weiß, wo es langgeht und ich jederzeit mit jeder noch so scheinbar dümmlichen Frage antanzen und fragen darf: An welchem der beiden Waschbecken im Badezimmer würde eigentlich Rita stehen und wo Hans? Es gibt bestimmt Regisseur:innen, die sagen, es sei egal. Aber mir hilft es sehr, wenn die von Regieseite Hilfe kommt und da schon eine klare Vorstellung. Dann kann ich mich im wahrsten Sinne des Wortes hineinleben in Rolle, Situation und Emotion. Auf der anderen Seite gibt es auch Formate und Rollen, bei denen ich es mag, wenn man mir viele Freiheiten lässt. Ein doch mehr komödiantisches Beispiel: Zuletzt haben Bastian Pastewka und ich bei „LOL“ immer wieder Paare gespielt. Das haben wir in Eigenregie gemacht. Offensichtlich finde ich es also gar nicht so schlimm, alleine bestimmen zu dürfen, wie eine Figur ist, wie sie sich bewegt, wie sie spricht oder singt. Ich habe auch viele Impro-Filme gemacht Das Genre Improvisation mag ich sehr, die Impro-Reihe „Blind Date“ hat mir großen Spaß gemacht. Das ist die größtmögliche gestalterische Freiheit, die man bekommen kann. Oder „Wellness für Paare“ von Jan Georg Schütte: Ein improvisierter Film mit mehreren Paaren. Da habe ich mich auch sehr, sehr wohl gefühlt.
Heutzutage sind die Schulklassen voller Kinder, die allein erzogen werden. Glauben Sie, dass man Konflikten heute zu schnell aus dem Weg geht und sich trennt, weil man es wirtschaftlich kann?
Das ist eine steile These. Ich glaube, da gibt es kein Richtig oder Falsch, jeder Fall ist doch anders! Ein "Du, bevor wir uns jetzt komplett ignorieren und uns die ganze Zeit streiten, lass uns das lieber beenden“ würde ich nicht als frühes Aufgeben bezeichnen, sondern als: Es ist für alle Beteiligten besser. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass es Paare gibt, die zu früh aufgeben. Ob das an der wirtschaftlichen Tragbarkeit liegt oder an FOMO – Fear of missing out – weil man Angst hat, etwas Cooleres zu verpassen, wenn man in dieser Beziehung bleibt. Das wirkt auf den ersten Blick vielleicht feige, faul oder nachlässig. Aber wer bin ich, das zu beurteilen? Ich würde erstmal hoffen, dass Paare verantwortungsbewusst damit umgehen – vor allem wenn sie Kinder haben. Wenn ich jetzt mal als private Anke sprechen darf: Ich gebe nicht so schnell auf. Ich kämpfe. Ob das eine Aufgabe ist, die mir gestellt wird, oder ob das eine Freundschaft ist. Auch wenn ich als Schütze dazu neige, Dinge schnell zu beenden, Entscheidungen schnell zu treffen und manchmal auch etwas zu radikal zu sein. Es ist ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit, Hoffnung zu haben, optimistisch zu sein.
Wir Menschen machen Pläne und der liebe Gott lacht darüber, sagt man. Betreiben Sie Lebensplanung über das unbedingt erforderliche Maß hinaus oder lassen Sie sich gern überraschen?
Ich glaube, es ist die Mischung. Ich arbeite in einem Beruf, in dem es ohne Planung nicht geht. Ohne meine Agentin, die den totalen Überblick über meinen Kalender hat, wäre ich aufgeschmissen. Wenn ich um 6:15 Uhr im Maskenmobil am Set sein soll, muss ich um 4:30 Uhr aufstehen und den Bus um 5:10 Uhr nehmen. Wenn ich das nicht mache und nicht in dieser Struktur bleibe, kann ich es gleich sein lassen. Auf der anderen Seite liebe ich nichts mehr, als mich im Ausland aufzuhalten und Neues zu entdecken. Nichts gefällt mir besser, als mir eine fremde Stadt zu erlaufen. Laufen nicht im Sinne einer schnellen Fortbewegung, sondern langsames Gehen. Das mache ich sehr gern. Ich bin 1A planlos im Urlaub. Es sei denn, es ist ein Kultururlaub, dann bin ich wiederum das genaue Gegenteil. Wenn ich Theaterkarten habe, dann möchte ich auch pünktlich sein. Und wenn ich weiß, dass das Museum um 18 Uhr schließt, bin ich auch dort pünktlich. Hektik mag ich nicht so gern, deswegen bin ich recht organisiert. Darum ist meine Antwort: Eine Mischung, bitte!
Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann in Rente zu gehen und sich komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?
Diesen Zustand habe ich regelmäßig. Wenn ich mich nach einem so vollen Tag mit vielen Interviews, einer Premiere, einem roten Teppich und Publikumsgesprächen abends abschminke, meine normale Klamotte anziehe und noch ein bisschen durch die Nacht in Zürich gehe, fühle ich mich frei von meinem beruflichen Druck. Ich empfinde meinen Beruf als totales Privileg. Ich mache das, was ich liebe und kann damit Geld verdienen. Das ist der Wahnsinn. Ehrlich gesagt, würde ich gerne ganz lange ganz viele Menschen abbilden. Ich beobachte Menschen so gerne! Ich bin gerne ein Alltagsmensch und sehe, was um mich herum passiert. Das bilde ich dann wiederum gerne im Film ab. Es muss auch 100-jährige Frauen im Film geben und dazu würde ich mich bereit erklären.
Denken Sie als Mama – so wie Hans und Rita im Film – gelegentlich darüber nach, was Sie hätten anders machen können?
Ich erkläre das immer mit meiner Persönlichkeit. Es ist in meinem Persönlichkeitsprofil gar nicht angelegt, dass ich bereue. Ich habe mir ganz früh schon vorgenommen zu antizipieren. Das klingt viel mehr nach einem intellektuellen Planspiel, als es wirklich ist. Aber zu antizipieren, worauf das hinausläuft, was wir gerade machen. Der Blick nach vorne gefällt mir viel besser als der Blick nach hinten. Nach hinten zu schauen bedeutet oft, etwas zu bereuen oder sich zu ärgern. Das passt nicht zu mir. Ich bin nicht jemand, der sich gerne ärgert. Ich habe früher durchaus Entscheidungen getroffen oder Freundschaften zugelassen, die mir nicht gutgetan haben. Mittlerweile habe ich das Gott sei Dank ganz gut im Griff und es kommt nicht mehr so oft vor. Meine Devise ist eher: Bekomme ich es hin, nach vorne zu schauen und für einen Moment oder für einen längeren Zeitraum eine Zufriedenheit zu erlangen, die mich vor dem Bereuen schützt? Das ist meine Aufgabenstellung.
Auf Wikipedia steht zu lesen: „Seit Ende 2024 macht sie ein Praktikum als Zugbegleiterin in Zügen der Deutschen Bahn.“ Was hat es damit auf sich?
Stimmt nicht ganz. Ich habe ja einen zeitaufwendigen Beruf, das Praktikum habe ich im Zeitraum eines halben Jahres gemacht und immer, wenn meine Agentin ein, zwei freie Tage in meinem Kalender gefunden hat, habe ich meine UBK angezogen, meine Unternehmensbekleidung, und habe auf dem Zug gearbeitet. Mal habe ich Fahrkarten kontrolliert, mal Kaffee serviert - ich durfte überall mal reinschnuppern, auch bei der Logistik oder der Verkehrsleitzentrale, weil mich das Unternehmen interessiert. Ich fahre in Deutschland und Europa ausschließlich Bahn. Ich fliege nur einmal im Jahr innerhalb Europas in den Urlaub. Aber wenn ich zum Beispiel in Polen drehe, fahre ich mit dem Zug. Zur Biennale nach Venedig bin ich im letzten Jahr mit dem Zug gefahren. Das ist alles kein Problem. Aber ich wollte wissen, wie die Menschen, die täglich wegen der Verspätungen und der Zugausfälle beschimpft werden, es schaffen, morgens wieder zur Arbeit zu kommen. Deswegen habe ich das Praktikum gemacht. Der Mehrwert ist, dass ich das auch für eine Arbeit verwerten werde.
Ihre Außenwirkung ist das perfekte Selbstbewusstsein. Kennen Sie Selbstzweifel?
Ich bin das Gegenteil von selbstbewusst. Aber ich weiß, dass da etwas verschwimmt. Dadurch, dass es meine Pflicht ist, bei Interviews, auf einem roten Teppich oder in Talkshows abzuliefern, kann man das vielleicht als Selbstbewusstsein missverstehen. Aber ich komme da einfach nur meiner Pflicht nach. Ich fände es fahrlässig, im Interview immer nur mit einem Satz zu antworten oder beim Kölner Treff, bei dem ich zuletzt war, bei jeder Frage zu antworten: Keine Lust! (lacht) Ich finde, dass sich das nicht gehört. Wenn ich über einen Film spreche, weil ich möchte, dass Menschen ihn sehen, oder wenn ich über einen roten Teppich gehe, dann nehme ich das sehr ernst. Dann werde ich geschminkt, mir macht jemand die Haare schön und das ist Teil meines Jobs. Ich bin da sehr gewissenhaft. Aber das hat mit Selbstbewusstsein nichts zu tun. Privat bin ich eher schüchtern.
Zu den Spielterminen von "Dann passiert das Leben" im Moritzof
© Engelhardt
Kulturzentrum Moritzhof
Moritzplatz 1, 39124 Magdeburg
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