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© Zieglerfilm Baden-Baden X-Verleih AG
Karl Markovics und Luna Wedler
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Karl Markovics in "Sie glauben an Engel Herr Drowak?"
Herr Markovics, stimmt es, dass Sie eine Arbeit mit Wes Anderson (Anm.: „Grand Budapest Hotel“) zunächst abgesagt haben, weil Sie Drowak sein wollten?
Ja. Ich musste die Arbeit absagen, weil ich mich nicht rasieren konnte. Wes hätte mich mit Schnurrbart gebraucht. Zu der Zeit war aber dieser Film schon in Vorbereitung. Da war für mich ganz klar, dass ich diese Rolle sicherlich nicht absagen werde, auch nicht für Wes Anderson. Wir kennen uns aber sehr gut und mögen einander gerne. Er hat dann eine kleine Rolle mit ein paar wenigen Drehtagen gefunden, die nach meinem Film lagen, so dass es egal war, dass ich den Vollbart hatte. So kam ich doch im Film vor, was ich entzückend von ihm fand. Das macht nicht jeder.
Wie haben Sie Ihrer Frau erklärt, was für einen Film Sie da drehen?
Ich erkläre meiner Frau sehr selten, welche Filme ich mache. Manchmal weiß sie gar nicht, was ich drehe. Sie wundert sich dann nur manchmal, wenn ich drehe, weil sie mich zu Hause nie Texte lernen sieht. Ich lerne sehr schnell und mache das, wenn ich alleine bin. Mir fällt es tatsächlich sehr schwer, über meinen Beruf zu reden. Das weiß meine Frau auch. Sie ist nicht gekränkt, weil ich sie da nicht komplett einbinde. Sie weiß einfach, dass es mir schwerfällt, irgendetwas zu erzählen. Und sie weiß auch, dass ich einen Film mit dem und dem mache und dann länger weg bin. Ich rede aber nicht wirklich über Figuren, an denen ich gerade arbeite. Mit meiner Frau rede ich zum Beispiel darüber, falls beim Dreh etwas anstrengend war. Während ich an einer Rolle arbeite, bin ich aber ziemlich eremitisch. Die Vorbereitung teile ich mit niemandem.
Wie nähert man sich einer Figur, die uns wahrscheinlich hassen würde, wir aber auch sympathisch finden?
Ich kenne einige solcher Menschen ganz gut, was hilfreich war, um mich in deren Lage hineinzuversetzen. Man muss eine Figur, die man spielt, auf eine gewisse Art mögen oder zumindest akzeptieren. Das fiel mir um einiges leichter, weil ich weiß, dass hinter sehr vielen solcher gebrochenen Persönlichkeiten eine tiefe Verletzung steckt, etwa durch Schicksalsschläge oder viel Pech. Und trotzdem zerfließen sie nicht in Selbstmitleid. Ich konnte diesen Hugo Drowak von Anfang an leiden, was in der Vorbereitung geholfen hat. Dadurch kann man auch die unsympathischen Seiten, die Arschlochseiten, mit einem besseren Gewissen hervorkehren. Man weiß, dass er auch zu Anderem im Stande ist und woher das kommt. Es macht ihm selbst auch keinen großen Spaß, so zu sein. Er hat für sich nur keine anderen Möglichkeiten mehr. Die Handwerkzeuge, die Instrumente, die ihm mal zur Verfügung gestanden haben, hat er verloren. Das ist insofern ein ganz guter Vergleich, als dass er dieses Instrument in Form einer Schreibmaschine plötzlich wiederbekommt.
In „Was man von hier aus sehen kann“ haben Sie bereits mit Luna Wedler gespielt, in Ihrem nächsten Film „Die Blutgräfin“ ist auch Lars Eidinger mit von der Partie. Sind das Zufälle oder führt eines manchmal zum anderen?
Es ist ein Zufall, der zu einem anderen führt. (lacht) Lars und ich haben mittlerweile in mehr Filmen gespielt, aber nicht gemeinsam gedreht. Wir haben einen einzigen Film zusammen gemacht, „Das Licht“ von Tom Tykwer. Da hatten wir tatsächlich mal eine Szene miteinander. Aber weder in „Babylon Berlin“, noch bei „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ oder bei „Die Blutgräfin“ haben Lars und ich gemeinsame Szenen. Da steht aber keine Agentur hinter, das ist höhere Gewalt - oder höherer Zufall.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit Luna Wedler in diesem Fall?
Sie zu kennen hat den Dreh um Einiges leichter gemacht, weil ich keine Scheu davor haben musste, ihr als Drowak etwas zuzumuten. Ich wusste, was sie aushält. Wir konnten einander vertrauen und uns aufeinander verlassen. Da kann man dann auch „alles“ miteinander machen. Jemanden wirklich anzubrüllen und vor Wut und Verzweiflung wegzustoßen fällt leichter, wenn man jemanden gut kennt, als wenn man noch nie zuvor mit dieser Person gearbeitet hat.
Haben Sie sich mit Nikolai Gemel, der Ihr jüngeres Ich spielt, in irgendeiner Form absprechen und koordinieren müssen?
Nikolai und ich kennen uns, weil er in meinem zweiten Kinofilm als Regisseur und Drehbuchautor, „Superwelt“, mitgespielt hat. Wir haben vorher miteinander telefoniert. Er wollte wissen, ob ich spezielle Eigenheiten habe und worauf er achten soll. Sie haben ihm auch ein paar Szenenausschnitte gezeigt. Aber allzu viel haben wir uns nicht abgestimmt. Das waren tatsächlich zwei verschiedene Leben eines Menschen, die erst nachträglich durch dieses Schreiben wieder zusammenkommen. Für den Zuschauer kann es ruhig diese Diskrepanz geben, zwischen diesem jungen, enthusiastischen, empathischen Menschen auf der anderen Seite und dieser gebrochenen Figur, die er später war. Die Parallelen und Gemeinsamkeiten werden durch die Montage zusammengebracht. Man lernt, worauf sich welche Erinnerung bezieht und welche Rückblende was zur Folge hat.
Wie bewegt man sich zwischen 4.000 leeren Flaschen?
(lacht) Das war gar nicht so leicht! Ein Großteil war zusammengeklebt, weil es vor allem für die Requisite ein Horror war, diese Zustände immer wieder herzustellen. Aber es hilft natürlich unglaublich, um in diese Messie-Welt einzutauchen. Ich kenne Messies, was für mich hilfreich war, weil ich das als ganz selbstverständlich annehmen konnte. Für mich war das kein fremder Bereich. Ich konnte total nachvollziehen, dass jemand es zu so etwas kommen lässt und dass das für ihn eine Art von Heimat oder Wohnlichkeit ist. Es gibt auch ein gewisses System, was ich toll fand. Die Messies finden ihre Dinge und wissen ungefähr, wo was ist. Sie können sich nur nicht trennen. Sie haben keine Möglichkeit, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Das erzählt ja auch viel. Es ist alles plötzlich zu viel im Leben. Man kann mit nichts mehr umgehen, man bewegt sich nicht mehr weiter.
Wie war es mit Dominique Pinon (Anm.: „Die fabelhafte Welt der Amélie“), der Ihren Freund und Nachbarn spielt?
Wunderschön. Dominique spricht nur phonetisch Deutsch, deswegen haben wir uns auf Englisch unterhalten. Aber das Tolle an solchen Partnern ist, dass man im Prinzip gar nicht miteinander sprechen müsste. Die wichtigen Sachen waren uns klar. Ob es diese linkische Umarmung von ihm war oder diese Blicke, die wir untereinander ausgetauscht haben. Er ist ungefähr meine Generation und wir haben einiges gemeinsam. Wir haben beide Theater- und Bühnenerfahrung. Wir haben beide einen relativ großen Filmlebenslauf hinter uns. Es ist schön zu wissen, dass man bei vielen Dingen nichts absprechen muss. Wir spielen einfach miteinander, buchstäblich.
Fragen Sie sich bei Begegnungen mit Säufern und Obdachlosen, welche Geschichte hinter diesem Menschen steht?
Ja, und zwar relativ häufig. Ich bin bei regelmäßigen Kampagnen bei diversen Obdachhilfeorganisationen in Wien sehr aktiv, und auch nicht nur als zahlender Spender. Dort gibt es ein Kältetelefon, wo Menschen anrufen um zu melden, wenn sie einen Obdachlosen ohne Schlafsack bei unter Null im Park finden. Dann schauen diese Organisationen bei dem Obdachlosen vorbei und kümmern sich um ihn. Wir machen immer wieder Spendenaktionen, wo Leute Geld für einen Schlafsack spenden können, was oft überlebenswichtig für Menschen ist, die im Freien überwintern müssen. Bei diesen Begegnungen fragt man sich nicht nur manchmal, was für eine Biografie da dahintersteckt. Man erfährt sie dann auch tatsächlich.
Inwiefern?
Man merkt, wie schnell es gehen kann, dass aus einem geordneten, vielleicht sogar gutverdienenden Leben durch eine Reihe von Schicksalsschlägen und einem Krankheitsfall eine absolut gescheiterte Existenz werden kann. Ich werde nie eine Begegnung mit einem Mann auf der Straße vergessen, der dort saß und offensichtlich Hilfe brauchte. Eine Frau hat ihm eine Flasche Wasser gebracht und ich habe mit ihm geredet. Er sprach Deutsch, kam aber nicht aus Österreich. Ich habe eine einfachere Sprache gewählt, was man typischerweise macht, wenn man denkt, dass jemand einen nicht gut verstehen kann. Das hat ihn sehr geärgert. Er hat sich beschwert und meinte, er sei kein kleines Kind. Ich habe mich entschuldigt und gesagt, ich wolle ihn nicht bevormunden. Plötzlich ging ihm ein Strahlen über sein Gesicht, weil ich ihm das doch nicht so einfache deutsche Wort „bevormunden“ geschenkt habe. Ich habe ihm zugestanden, dass er es versteht und habe mich dafür entschuldigt, ihn zu bevormunden. Er hat wirklich gestrahlt, weil ich ihm als Mensch eine menschliche Existenz zugestanden habe. Das sind unglaubliche Erlebnisse, die man dann auch nahtlos für solche Menschen verwenden kann. Jeder hat das Recht auf Respekt, auf respektvollen Umgang.
Was für ein Verhältnis haben Sie zu Beamten?
Ich habe keine riesigen negativen Traumata, was Behörden oder Amtsbesuche anbelangt. Ich kann mich aus meiner frühen Jugend noch an die düsteren grauen, miefigen Amtsstuben erinnern, die es überall gab. Nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch im Westen oder in Österreich. Selbst etwas bei der Post abzugeben, war in gewisser Weise ein Behördenweg und damit weit entfernt von diesen Serviceinstituten, die unsere Amtsstuben heute sind. Aber ich kam damit gut zurecht. Es ist eine Frage der inneren Gelassenheit, wie man mit Verordnungen, Behörden und Beamten umgeht. Wenn das ein gewisses Maß behält, kann ich gut damit leben. Das gehört dazu. Eine gewisse Ordnung, wenn es nicht so übertrieben ist wie das Ordnungsamt im Film, ist schon okay. Ich will wissen, dass der weiß, dass ich als Rechtskommender Vorrang habe. Ich finde es gut, wenn sich solche Regeln für alle durchsetzen und es nicht nur ins Chaos übergeht.
Ist für Sie die Abwesenheit anderer Menschen manchmal auch die Definition von Glück?
Ich kann ganz gut mit mir allein sein, was etwas Anderes ist, als einsam zu sein. Aber ich würde nie so weit gehen, zu sagen, dass die Abwesenheit aller Menschen Glück ist. Das ist es auch nicht für Drowak. Das redet er sich ein, weil er niemandem mehr vertraut. Deswegen ist er so einsam und bildet sich ein, dass er wirklich glücklich wäre, wenn die anderen verschwinden würden. Das Gegenteil ist natürlich der Fall. Das zeigt dieser Film. Jeder von uns braucht ein Du, um wieder ein Mensch sein zu können. Ein ganzer Mensch kann man nie allein sein.
Sie sind selbst Autor und Regisseur. Schreiben Sie gerade wieder?
Ich habe ein Drehbuch für einen Fernsehkrimi abgeschlossen. Es gibt eine Reihe im österreichischen Fernsehen namens „Landkrimi“, die auch im deutschen Fernsehen auf arte und 3sat läuft. Ich habe bereits zwei davon gedreht. Beim ersten, „Das letzte Problem“, hat Daniel Kehlmann das Drehbuch geschrieben und ich habe Regie geführt und gespielt. Der zweite befasst sich mit derselben Hauptfigur und heißt „Das Schweigen der Esel“. Da habe ich auch das Drehbuch geschrieben. Jetzt vervollständigen wir die Trilogie und danach ist Schluss mit dieser Figur. Dazu drehe ich im April und Mai in Österreich. Da geht es um diesen schizophrenen Typen, der sich einen Assistenten imaginiert und sich einbildet, er sei Kriminalkommissar.

