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Von links nach rechts: Friedrich Mücke, Christoph Maria Herbst und Hape Kerkeling
Herr Mücke, kannten Sie das Theaterstück, auf dem der Film basiert?
Ich wusste von dessen Existenz. Es wurde oft plakatiert, weil es kleinere und größere Theater landauf und landab gespielt haben oder immer noch spielen. Aber von der Thematik hatte ich keine Ahnung.
Tatsächlich haben Sie das Drehbuch in vollen Zügen genossen, oder?
Total. Ich habe das Drehbuch in Wien gelesen — weil ich gerade dort gedreht habe — und mir richtig Zeit gelassen. Ich habe es mir über mehrere Tage eingeteilt, weil ich es nicht zu schnell fertighaben wollte, so gut fand ich es. Es war ein Feuerwerk an starken Lines, die nicht nur wegen des Wortwitzes funktionieren, sondern weil das Ganze eben auch eine große Aktualität hat. Es geht nicht bloß um eine Vereinsversammlung, sondern darum, wie ein kleiner Alltagskonflikt plötzlich Alltagsrassismus sichtbar macht, wie schnell Ausgrenzung entsteht und wie gesellschaftliche Spannungen hochkommen, die sonst unter der Oberfläche bleiben. Diese Themen betreffen uns alle — und der Film zeigt, dass man sie ansprechen muss, gerade weil die komische Ebene hilft, klarer hinzuschauen, statt sich in endlosen Debatten zu verlieren.
Inwiefern?
Naja, manchmal ist es ja schon ziemlich übertrieben, worüber da so ausufernd gestritten wird, und man fragt sich, ob das überhaupt noch dem eigentlichen Anliegen dient. Warum sind denn alle so am Durchdrehen? Der Film ist da schon auch ein Spiegel für unsere Gesellschaft. Die Geschichte hat das Potenzial, der deutschen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und aufzuzeigen, wie absurd manches Verhalten oder manche Strukturen sein können. Dabei wollen wir uns aber nicht über Menschen lustig machen. Es gibt Menschen, die oft übersehen oder ausgeschlossen werden – auch das wird verhandelt und gezeigt, wie andere mit ihnen umgehen. Der Film hat an diesen Stellen bewusst ernstere Zwischentöne.
Ihre Figur Matthias Scholz ist übergenau und liebt PowerPoint-Präsentationen. Sind Sie in Ihrem Berufsfeld ähnlich akribisch?
(lacht) Sicher nicht so wie er! Aber ein gewisser Ehrgeiz ist bei mir schon da. Gerade wenn viel Text zu bewältigen ist, nehme ich mir die Zeit, bis es wirklich sitzt. Das gehört für mich einfach zur Arbeit. Matthias habe ich sehr bewusst als jemanden angelegt, der permanent unter Strom steht und überall noch ein Anliegen hat — das musste ich präzise vorbereiten. Insofern: Ja, ein Stück Akribie steckt auch in mir, aber auf eine deutlich entspanntere Art als bei ihm.
Ist die Arbeit in einem so namhaften Ensemble im positiven Sinne auch ein Wettbewerb?
Vielleicht? Ich muss kurz überlegen. Wenn, dann im allerpositivsten Sinne. Das Wort „Wettbewerb“ gefällt mir nicht so richtig. Man muss halt mitkommen. Man ist mit Hape zusammen im Raum, er steht, sagt einen Satz und das Ding knallt. Alle rasten aus. Das kann er mit so wenigen Mitteln. Da wünscht man sich schon, dass auch zu können, aber es wäre eben nicht das Richtige für die eigene Figur. Deshalb entzieht sich das einem Wettbewerb. Dennoch darf man nicht drunter bleiben. Christoph ist ein sehr präziser Sprachakrobat, was er in die Figur mitnehmen konnte. Es ist kein Wettbewerb, sondern ein miteinander, um etwas zustande bringen. Wenn man dann einen Moment der Schwäche hat, muss man aufpassen, dass man auch wieder hochkommt.
Ist es nicht die wahre kulturelle Aneignung, wenn jemand meint, für einen Menschen mit anderem Background sprechen zu müssen, der eigentlich gar kein Problem hat?
Wenn man es ganz zugespitzt betrachtet, ist es sicher problematisch, für jemanden zu sprechen, der selbst eigentlich kein Problem hat. Ein Beispiel: Jemand sagt ‚Mir ist egal, dass bestimmte Traditionen aus meiner Kultur gefeiert werden‘, und dann erklärt jemand anderes für ihn, dass das total problematisch sei. Das zeigt, worum es grundsätzlich geht: Für andere zu sprechen kann leicht als übergriffig empfohlen werden. Und da spielt es gar keine Rolle woher die Person kommt oder wie gut die Absicht ist. Deshalb würde ich mich da auch nicht festlegen. Ich habe meine eigenen Beobachtungen und Meinungen, und ich weiß, dass es viele Perspektiven gibt. Für mich geht es eher darum zuzuhören, nachzudenken und sensibel zu bleiben, statt eine universelle Definition liefern zu wollen.
Nehmen Sie an sich selbst wahr, dass Sie in den letzten Jahren vorsichtiger mit dem geworden sind, was Sie sagen?
Ich äußere mich öffentlich nicht politisch, das habe ich nie anders gefahren. Manche Leute finden, dass ich das wegen meines Jobs und der damit verbundenen Reichweite zu tun habe. Das sehe ich nicht so. Da, wo ich mich melden will, melde ich mich schon zu Wort. Ich entscheide also für mich selbst, wann und wie ich mich äußere – ganz in meinem eigenen Tempo.
Würden Sie sagen, dass hierzulande eine Cancel-Culture existiert?
Grundsätzlich finde ich es normal, dass eine Gesellschaft bestimmte Grenzen zieht und markiert, was akzeptabel ist und was nicht. Das gehört einfach dazu. Gleichzeitig habe ich aber schon den Eindruck, dass es heute Momente gibt, in denen sehr schnell mit dem Begriff ‚Canceln‘ gearbeitet wird und in denen Reaktionen dann auch mal unverhältnismäßig werden.
Welche Rolle spielen die „sozialen“ Medien bei dieser Entwicklung?
Die sozialen Medien spielen dabei eine riesige Rolle. Früher hat man solche Dinge noch im kleinen Kreis besprochen, heute landet alles sofort öffentlich – und oft anonym. Jeder kann mitreden, was aber auch Vorteile haben kann: Man bekommt viele Perspektiven mit, auf die man sonst nie gekommen wäre. Gleichzeitig entsteht durch diese ständige Sichtbarkeit viel Druck, sich schnell zu positionieren. Und genau dadurch können Diskussionen manchmal sehr schnell hochkochen, viel schneller als früher, als alles noch langsamer und privater ablief.
Ein anderes Thema des Films ist das Verhältnis von Mann und Frau. Viele Filme und Serien scheinen sich derzeit auf Männer eingeschossen zu haben. Befürchten Sie, dass die Geschlechter bald keinen unbefangenen Kontakt mehr pflegen können?
Ich bin da gar nicht so pessimistisch. Lange Zeit hatten Frauen in vielen Bereichen weniger bis gar keine Möglichkeiten, gehört zu werden oder gleichberechtigt mitzuwirken. Jetzt ändert sich das zunehmend. Dass das für andere oftmals irritierend wirkt, gehört dazu – jede gesellschaftliche Veränderung stößt auf Reibung. Im Kern geht es darum, Gleichberechtigung zu leben und echte Augenhöhe zu erreichen. Filme können solche Dynamiken sichtbar machen, anecken und zum Nachdenken anregen. Genau wie gesellschaftliche Debatten sind sie ein Angebot, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, und es hilft z.B. Humor dabei, diese komplexen Themen leichter zugänglich zu machen – so wie wir es in ‚Extrawurst‘ versuchen.
Sie sind eher fußballaffin. Spielen Sie auch Tennis?
Ich spiele kein Tennis, nein. Kann ich gar nicht.
Welche Vorlieben haben Sie beim Grillen?
Wenn es um die Wurst geht, bin ich ganz einfach: Am liebsten so etwas wie eine einfache Stadionwurst, die man komplett ins Brötchen legt – bitte nicht durchschneiden. Senf gehört für mich immer dazu, manchmal noch Ketchup obendrauf, das ist für mich die perfekte Mischung. Ach ja, und unbedingt die weiße Bratwurst, nicht die rote – die hat einfach diesen klassischen, milden Geschmack, der für mich zum Grillen dazugehört. Am Ende geht es aber sowieso um das Zusammensitzen, das Geräusch vom Brutzeln, den Duft – das ist das eigentliche Highlight.
Bekommt man als Prominenter schonmal eine Extrawurst im Hotel, Restaurants oder Arztterminen?
Ist schon vorgekommen.
Vermissen Sie manchmal das Theater?
Beim Film „Extrawurst“, der ja auf diesem Theaterstück basiert, habe ich mir schon Gedanken gemacht, wie es wäre, das auf der Bühne zu spielen. Es wäre interessant, einen Vergleich zu haben. Ich habe Lust, mir das im Theater anzuschauen. Aber selber spielen? Als Schauspieler vermisse ich das Theater nicht, nein.

