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Мир для України!
Diese Kolumne gibt es seit knapp zehn Jahren und etwas länger gehe ich u.a. beruflich ins Kino. Fast ebenso lange hebe ich Eintrittskarten auf und verstaue sie in einem kleinen Beutelchen. Mein Träumchen: Irgendwann alle zu einem Posterformat zusammenführen – ein Leben in Kinokarten. … Ja, weird, I know. In diesem Beutelchen sind Karten aus dem CinemaxX, dem Studiokino, dem Moritzhof, dem OLi und diverse Kinos aus dem Rest der Republik.
Eine Eintrittskarte ist mehr als eine Zutrittsberechtigung. Sie ist eine Erinnerung; z.B. an die Kindheit (liebe Eltern, behaltet die Karte des ersten Kinobesuches eures Nachwuchses!) oder die Erinnerung an das erste Rumknutschen, die erste Trennung, das erste Mal Rummel, das erste Mal Theater, das erste Mal Museum usw. Immer häufiger bekomme ich in Multiplexen Tickets in die Hand, die vom Zahlungsbeleg nicht zu unterscheiden sind; natürlich nicht – der Drucker spuckt alles in einem Rutsch aus – wenn das Ticket nicht ganz und gar online existiert. Die Abwicklung wird gestreamlined; der Kunde wird gestreamlined; Billets werden gestreamlined. Das ist furchtbar schade (finde nicht nur ich), denn die Eintrittskarte hat eine lange Tradition…
Tessera, oder: Wie ich lernte, das Ticket zu lieben
Bereits in der Antike wurden Zutrittsmarken, etwa in Form bearbeiteter Steinchen, ausgegeben, eine sog. „Tessera“. Der Detailreichtum reichte wohl von „schmuckloses Mosaiksteinchen“ bis hin zu „geprägte Keramik mit Datum, Veranstaltungsname, Steuernummer“.
Ich stelle mir gerade vor, dass da auch schon vor dem Kolosseum etwas zu finster dreinschauende Security-Spartiaten rekrutiert wurden, mit Undercut und Holzrad-Tattoo, die in etwas zu engen schwarzen Tuniken Leute aus der Warteschlange ziehen, die dann wiederum ein bisschen zu nervös an ihren Klamotten herumnästeln und angeben: „Ähm, ich hab die Tessera zu Hause vergessen, aber Caesar kennt mich – ‘schwöre!“
Und während sich in der Arena die Löwen warm machen, treffen sich Helios und Eunike zu ihrem ersten Date am Snack-Zelt und meckern lachend darüber, dass drei Drachmen für eine Schale Oliven „echt so voll gar nicht gehen, ey!“ Helios behält die Tessera seit dem immer unter dem Kopfkissen und träumt von Eunike. Später leben sie zusammen und eröffnen einen süßen Tretbootverleih am Lago Albano, zeugen drei Kinder und schlafen irgendwann, nach einem erfüllten Leben, im Alter von 46 Jahren friedlich ein. Freunde der Familie erscheinen zahlreich und legen dem Paar Tretboot-Tesserae auf die Augen – für den Fährmann Charon und die Überfahrt auf dem Styx. Man mag sich nicht vorstellen, wie unpersönlich es wäre, wenn man Charon seinerzeit einfach einen Kassenbeleg auf Thermopapier in die knochige Hand gedrückt hätte.
Neulich stand ich in einem Ticketshop. Eine junge Person kam rein und fragte an der Kasse: „Wenn ich hier ein Ticket für XY kaufe – drucken Sie die dann so richtig aus, auf diesem dicken Papier?“ Als das Gegenüber dies bejahte, nahm die Person in zuckersüßer Manier das Smartphone in die Hand und berichtete euphorisch: „Ich hab gerade gefragt – die haben noch so richtige Tickets! … Ja, ich bring’ Dir eins mit!“
Die Digitalisierung ist eine wunderbare Sache, großer Fan, wirklich. Digitaler Parkschein? Auf jeden Fall! Und warum bekomme ich überhaupt beim Pinkeln am Bahnhof eigens designte Billets ausgestellt, pardon: Voucher? Damit ich dann im Bahnhofsimbiss dem Personal kleinlaut meinen Notdurftsbeleg vorlegen kann, um beim Kauf einer in Remoulade ersoffenen Brötchenleiche 50 Cent zu sparen – Endpreis 6,35 €. Yeah, von mir aus. Aber all diese Tickets werde ich nie in dieses kleine Beutelchen packen, liebes CinemaxX und liebe andere. Können wir bitte wieder richtige Tickets bekommen? Danke.
Euer Ticket in mein Postfach: rob@dates-online.de
PS: Du bist Kreativkopf in Magdeburg oder Umgebung? Dann schau doch mal beim monatlichen Treffen des Netzwerkes NMC (New Magdeburg Cinema) vorbei. Austausch über Projekte und Netzwerken ohne Stress.
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