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Die Magdeburger Filmkolumne - 2
Мир для України!
Herzlich willkommen in 2026. Hast Du Dich mittlerweile erholt von Deinem Anti-Silvester-Mainstream-Programm? Ihr habt „Dinner for One“ total ironisch geschaut und Tischfeuerwerk „mehr so auf einer Metaebene“ benutzt – check ich. Statt der großen Feierei gab es einen Filmmarathon mit selbstbestellten Snacks, voll geil. Dann hat irgendjemand kurz vor Null doch noch den Jägermeister ausgepackt und Du darfst jetzt die Scherben Deiner sozialen Interaktionen ein Vierteljahr lang zusammenkehren.
Während Du in drei Gruppenchats versuchst vier Freundschaften zu retten und fünf "Bumble"-Dates zu beruhigen, dudelt wahrscheinlich nebenbei Netflix oder Prime Video, zumindest laut Statistik. Vermutlich wühlst Du Dich 20 Minuten durch einen Mix aus koreanischen Horrorfilmen, Datingshows und irgendwelchen Fortsetzungen zu Filmen, von denen Du noch nie gehört hast, um schlussendlich den Algorithmus über Deine Nebenbeibeschallung entscheiden zu lassen, während Du auf dem Smartphone bei „Plants vs Zombies 2“ verlierst. Ertappt? Hier Begrifflichkeiten, die das Phänomen wissenschaftlicher einordnen sollen: Decision Fatique („Entscheidungsträgheit“) und Choice bzw. Decision Paralysis (etwa „Entscheidungslähmung“). Es gibt eine Reihe ähnlicher Wortgruppen, aber im Kern gehts immer um Überforderung durch Überangebot. Einfach googeln, sehr spannend. Falls das aktuelle Streamingangebot nicht überfordernd genug ist, bekommst Du demnächst eine neue Chance zur Verzweiflung: Dein liebster „...and Chill“-Anbieter, wird sein Angebot vermutlich erheblich aufstocken.
Netflix × Warner: Vom Traditionsfilmstudio zur MegaCorp.
Der Medienkonzern Warner Bros. Discovery war Gegenstand eines enormen Bieterkriegs zwischen dem Streamingriesen Netflix und dem Multimedia-Konglomerat Paramount Skydance. Netflix bekam den Zuschlag und kauft Warner nun, wenn die Kartellbehörde nicht dazwischenfunkt, für rund 72 Milliarden (!) US-Dollar – und ich struggle mit fünf Euro für den Kinokaffee. Nach der Übernahme von MGM durch Amazon für knapp achteinhalb Milliarden US-Dollar im Jahr 2021, wird mit Warner nun ein weiteres Traditionsstudio von einem Tech-Riesen geschluckt. Schauen wir uns in drei Sätzen an, warum das einen Blick wert ist.
1889: Mit dem Umzug in die Vereinigten Staaten anglisieren einige Mitglieder der polnisch-jüdischen Familie Wonsal ihre Namen, so wie es viele Immigranten in dieser Zeit tun. Aus Szmuel, Hirsz und Aaron Wonsal werden so auf dem Papier Samuel, Harry und Albert Warner – der jüngste Spross wird in Canada geboren und bekommt den Namen Jack.
1923 gründen die vier Brüder offiziell die Warner Bros. Pictures, Incorporated. Zu diesem Zeitpunkt haben sie bereits knapp 20 Jahre Erfahrung mit Distribution und Filmproduktion. In anderen Quellen wird das Gründungsjahr vermutlich deshalb auch mit 1905 angegeben. Warner treibt den Erfolg des Tonfilms massiv voran, u.a. mit Produktionen wie „The Jazz Singer“.
2026 ist das Traditionsfilmstudio zur Multimediamarke mutiert; der Name „Warner“ blüht an diversen Enden, eines weit verzweigten Unternehmensgeflechts – siehe Warner Bros. Animation und natürlich die Warner Music Group. Dabei war Warner schon immer Teil von Übernahmen und Fusionen; wird in den 1960ern zum Filmstudio Warner Bros.-Seven Arts; nach einem Merger mit einem US- Verlagshaus zu Time Warner; kurzzeitig zu AOL Time Warner; erhält en passant die Elternschaft des Superman-Comicverlags DC und geht nach einem Mega-Merger 2022 im Unternehmen Warner Bros. Discovery auf. Zu diesem Zeitpunkt hält das Unternehmen die Filmrechte an wertvollen Marken wie Harry Potter, DC, Game of Thrones, Conjuring, Herr der Ringe, dem Godzilla-basierten Monsterverse und Dune.
Der Kauf durch Netflix ist also in jeder Hinsicht eine Hausnummer. Neben dem umfangreichen Warner-Filmarchiv erwirbt Netflix auch Warners Streamingservice HBO Max und die Seriensparte HBO. Diese Übernahme ist aus einer marktwirtschaftlichen Perspektive gleichermaßen spannend wie bedenklich. Denn natürlich war klar, dass sich der aktuell zunehmend zerklüftete Streaming-Sektor in Zukunft auch wieder konsolidieren würde; so viel konzentrierte Medien- und Marktmacht muss trotzdem Bedenken hervorrufen. Ich tippe nicht darauf, dass Warner Bros.: A Netflix Company für sinkende Nutzungsgebühren sorgen wird, für originellere Kinofilme und Serien oder gar mehr Mut auf der Leinwand. Ich wähne mehr Fortsetzungen & Spin-offs, mehr „...die Serie zum Film“ und noch weniger Perlen, die wir aus dem Content-Meer fischen können. Wahrscheinlich steigt die Auswahldauer demnächst auf 55 Minuten, bevor Du entnervst auf Youtube irgendeine Rezo-Reaction zum x-ten Mal anschaust. Nice.
Ankündigung | In Magdeburg werden zwar keine Filmstudios hin- und hergereicht, aber seit 2026 hat die Crew des Offenen Kanals einen neuen Kapitän: Peter Bräunig, bisher ein Teil der Blende39-Filmproduktion und freier Kameramann, übernimmt künftig die Geschäftsführung. Mehr zu seinen Zielen und Wünschen bzgl. des OKs lest & hört ihr demnächst hier.
Ausblick 2026: Kommende Filme und warum sie Dich interessieren – oder auch nicht
- 28 Years Later: The Bone Temple (15.01.): „Candyman“-Regisseurin Nia DaCosta inszeniert den zweiten Teil des „Es sind Zombies, aber wir nennen sie nicht Zombies“-Latequels, u.a. wieder mit Ralph Fiennes im Cast. Du stehst auf Apokalypsen, entblößte Penisse und akrobatische Straßengangs? Dann wirf einen Blick nach Sudenburg – oder eben in 28 Years Later, Part II.
- Star Wars: Mandalorian & Grogu (21.05): Im Prinzip die vierte Staffel von „The Mandalorian“. Pedro Pascal fliegt mit dem Merchandise irgendwo hin. Spielt zwischen Episode VI und VII. Ich bin ehrlich: Nichts könnte mir mehr egal sein.
- Spider-Man: Brand New Day (30.07.): Everybody’s Darling Tom Holland spielt im vierten MCU-Spider-Man-Solofilm einen Peter Parker, der nun damit leben muss, dass nach einem magischen Zwischenfall niemand mehr von seinem Doppelleben weiß. Mit Schurken wie Tombstone oder Scorpion und dem Antihelden Punisher in einer Nebenrolle verspricht der Film zumindest Stand jetzt eine sanfte Rückkehr zu den Wurzeln der Spider-Man-Storys, in denen es weniger darum geht (schon wieder) die Welt zu retten, sondern die Nachbarschaft. Ich sag wie’s is’: also ich freu mich drauf!
- The Social Reckoning (08.10.): Die lose Fortsetzung zu „The Social Network“ stellt nicht die Firmengründung von Facebook in den Mittelpunkt, sondern den relativ jungen Fall der Whistleblowerin Frances Haugen, die 2021 in Zusammenarbeit mit dem Wallstreet Journal eine Vielzahl interner Facebook-Dokumente an die Öffentlichkeit brachte, in denen es u. a. um Facebooks fahrigen Umgang mit u. a. Hatespeech und Menschenhandel auf ihrer Plattform geht, außerdem um die allgemeinen negativen Auswirkungen auf bestimmte Zielgruppen wie Teenager. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wurde in „The Social Network“ von Jesse Eisenberg verkörpert. Diesmal übernimmt Jeremy Strong diese Rolle. Dass er halbseidene Strippenzieher spielen kann, bewies Strong zuletzt im Trump-Biopic „The Apprentice“.
- Avengers: Doomsday (16.12.): Die Werbekampagne für den 39. Film des Marvel Cinematic Universe, den fünften Avengers-Film, läuft auf Hochtouren. Kann das Multiversumsspektakel die Superheldenmüdigkeit austreiben? Robert Downey Jr. spielte knapp zehn Jahre lang den egozentrischen Milliardär Tony Stark alias Iron Man, bevor sich dieser Charakter am Ende von „Avengers: Endgame“ opferte. Nun verkörpert er den ultimativen Superschurken, Doctor Doom – kräftetechnisch im Prinzip eine Mischung aus Iron Man und dem Magier Doctor Strange. Marvel will mit diesem Film einen großen Neustart einleiten und das fragmentierte Filmuniversum wieder greifbarer machen für ein Publikum, das womöglich einfach keine Lust mehr darauf hat, zwölf andere MCU-Filme und -Serien durchzuarbeiten, nur um Storysalat wie „Captain America: Brave New World“ zu verstehen. In der größtenteils noch unbekannten Story von Avengers: Doomsday werden unfassbar viele Marvel-Figuren zusammengeworfen, darunter die Fantastic Four aus dem aktuellen Film „First Steps“, die New Avengers aus „Thunderbolts*“ und ein Gros der originalen X-Men aus der Fox-Filmreihe der 2000er. Musst Du Dich darauf freuen? Nicht, wenn Du bisher gar keine Freude an Superheldenkino hattest. Bei mir persönlich kickt der Sunk Cost Fallacy-Effekt: ich hab bisher alles aus dem MCU geschaut; ich hab zu viel Zeit investiert, um mir die Zusammenführung all dieser Geschichten durch die Lappen gehen zu lassen – zumindest emotional.
Auch wenn Hollywood in seinem Franchisewahn gefangen bleibt und seinen Ruf als Contentfabrik zementiert, gibt es zahlreiche Neustarts, die Abseits der Blockbuster-Hype-Maschine neugierig machen , zum Beispiel de r Indie-Horror „Mother of Flies“. Für mehr Filmtipps verweise ich an dieser Stelle gerne auf die Filmvorschau der Kolleg:innen von Indiewire. Vielleicht interessieren wir uns alle auch wieder ein wenig mehr für Programmkino, für die Leinwand als Lagerfeuer.
Ein frohes Filmjahr 2026.
Neujahrsgrüße bitte direkt an rob@dates-online.de
PS: Du bist Kreativkopf in Magdeburg oder Umgebung? Dann schau doch mal beim monatlichen Treffen des Netzwerkes NMC (New Magdeburg Cinema) vorbei. Austausch über Projekte und Netzwerken ohne Stress.
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PPS: Den Podcast zur Filmkolumne gibts überall kostenlos zu hören!

