RG
Die Magdeburger Filmkolumne - 1
Мир для України!
Kreativen in der Branche geht es schlecht, „sehr schlecht“. Überraschung. Aber das ist nicht nur meine Meinung, die interessiert eh niemanden, sondern unter anderem das Ergebnis einer Umfrage; konkret das Ergebnis der jährlichen Herbstumfrage (2025) der Produktionsallianz (Allianz Deutscher Produzentinnen und Produzenten – Film, Fernsehen und Audiovisuelle Medien e. V.), einem Branchenverband für… genau.
An dieser Umfrage nahmen 199 Unternehmen teil, zumindest lückenlos, die restlichen 162 haben die Umfrage nur unvollständig beantwortet – kam vermutlich ‘ne Lunch Break oder ‘n Förderbescheid dazwischen. In anderen Etagen der Bewegtbildproduktion sieht es nicht besser aus. Vom Schauspiel können hierzulande die wenigsten leben und über die Konditionen des Drehbuchschreibens will ich gar nicht erst reden. Egal, ob One-Pager, Exposé, Treatment oder Skript – als Autor, vor allem abseits des Fördersystems, gebierst Du Ideen erst einmal ohne finanziellen Anspruch oder überhaupt irgendeine Sicherheit. „Ja, na und, wenn ich meine zehn Stunden in der Fabrikhalle gestanden habe bekomme ich auch keinen Applaus!“ Absolut richtig, Horst, absolut richtig. Und vielleicht spielen wir Handwerk, Industrie und Kreativbranche an dieser Stelle nicht gegeneinander aus, denn diese Zweige gehören letztendlich trotzdem zum gleichen Baum – vielleicht schauen wir uns das in einer anderen Ausgabe mal an. Horst, Du hast vermutlich ein regelmäßiges Einkommen, einen Jahresurlaub und die Gewissheit (ich drück’ die Daumen), dass Dein Beruf, trotz aller wirtschaftlichen Schwankungen, in zehn Jahren noch existiert. Ich denke, dass ein Gros der Skript-Berufe seine Miete überwiegend mit anderen, manchmal sogar branchenfremden Jobs bezahlt. Wie verbreitet das Phänomen nun in Magdeburg konkret ist, kann ich nur vermuten, aber gut möglich, dass auch hier hinter der Bar, an der Supermarktkasse, am Steuer der Tram und so weiter die „Eigentlichs“ sitzen, also Kellner:innen, die „eigentlich Schauspieler:in“ sind, „eigentlich Regisseur:in“, „eigentlich Autor:in“ usw. Was diesen Motor am Laufen hält: Hoffnung, Initiative und ehrlicherweise auch ganz viel Glück. Also die gleichen Faktoren, die letztendlich darüber entscheiden, ob die Bundesregierung die großen Streaminganbieter mit einer Investitionspflicht dazu bringen kann, in den Produktionsstandort Deutschland zu investieren.
Filmbooster gezündet - mehr Treibstoff für alte Modelle?
Dies war die Textversion für die Print-Ausgabe dieser Kolumne. Bis zur Umsetzung dieser Online-Version ist etwas passiert und das wird zumindest perspektivisch einen Einfluss auf den Filmstandort Deutschland haben. Am 5. Februar gab die Bundesregierung folgendes bekannt: „Die Bundesregierung hat sich gemeinsam mit den Fraktionen von CDU/CSU und SPD im Deutschen Bundestag auf einen Investitionspakt für den Filmstandort Deutschland geeinigt.“ Der offizielle Gesetzestext dazu soll noch vor Ostern beschlossen werden.
Bevor ich da jetzt schnippisch anmerke, dass Geld nur einer von mehreren Faktoren der globalen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Filmbranche ist und die anderen vor allem zwischen der teils ewig-gestrigen und mutlosen Auswahl der Projekte zu finden sind, werfen wir doch mal einen serviceorientierten Blick auf die Neuerungen:
- Investitionspflicht für Streamer: Anbieter wie Netflix, Prime Video oder Apple TV+, aber auch TV-Sender wie die Öffentlich-Rechtlichen oder ProSiebenSat.1 sollen künftig mindestens 8 Prozent ihres in Deutschland erzielten Nettoumsatzes in die europäische Filmwirtschaft (re)investieren, am liebsten natürlich in die deutsche. Europarechtlich ist eine Investitionspflicht für den ausschließlich deutschen Raum schwierig; u.a. wegen der EU-weiten Audiovisuelle Mediendienste-Richtlinie (AVMD-RL). Zum Vergleich: In Frankreich führt Apple TV+ 20 Prozent ab. Aber gut Ding … und so. Teil dieser gesetzlichen Verpflichtung wird die Möglichkeit sein, freiwillig 12 statt 8 Prozent seines Nettoumsatzes zu investieren und damit andere Details nachzuverhandeln, konkret also z.B. in Deutschland zu drehen, aber vielleicht auf Englisch. Laut den verschiedenen Berichten, gibt es aber noch konkretere Auflagen und Quoten. Die FAZ schreibt etwa, dass „60 Prozent des Acht-Prozent-Umsatzanteils in neue europäische Produktionen fließen, 80 Prozent in original deutschsprachige Werke beziehungsweise in Werke mit deutscher kultureller Prägung und 70 Prozent in Werke unabhängiger Produzenten.“ Gut, ob dieses Raster perspektivisch die Film- und Kinokultur stärkt, sei einmal dahingestellt. Im schlimmsten Fall werden eben künftig von diesem Budget paneuropäische WWII- und DDR-Dramen gedreht. Wenn hierzulande nach wie vor jeder halbwegs geförderte Genre- und/oder Unterhaltungsfilm redaktionell mit einem Zeitgeist-Traktat abgeglichen wird, spielt der deutsche Film auch in fünf Jahren noch keine relevante Rolle im internationalen Vergleich. Der Spagat zwischen eigener filmischer Identität – wir schielen nach Frankreich – und dem Sinn für Kino als (ent)spannender Eskapismus ist hierzulande noch immer eine Zerreißprobe.
- 250 Millionen Euro Fördergelder: Dieser Punkt ist kurz und knapp. Die bundesweiten Filmförderprogramme sollen auf 250 Millionen Euro aufgestockt werden – je nach Quelle verdoppelt sich das Budget mal oder erhöht sich 'nur' um ca. 85 Prozent. Super. Wirklich. Siehe Punkt 1; bleibt abzuwarten was damit gefördert wird. Andere Programme wie die Länderförderungen, also z.B. die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM), bleiben davon unberührt. Stand 2024 (epd) investierte Deutschland knapp 600 Millionen Euro in seine Film- und Serienproduktionen. Das ist viel Geld, na klar, ich komme trotzdem nicht umhin, anzumerken, dass unser Nachbarland Frankreich parallel 1,44 Milliarden (!) in seine Filmundustrie gepumpt hat.
Kann sich jemand vorstellen, dass ein Film wie Julia Ducournaus Titane (2021) hier in Deutschland zustande kommt - gefördert? Ja, also, das kann ich mir vorstellen, aber wenn man sich ko- und mit deutschen Fördermitteln finanzierte Genrefilme anschaut, gibt es nur wenige Highlights, die international wirklich relevant waren und wenn dann sicherlich kaum eine deutsche Handschrift aufweisen. Der deutsche Mystery-Thriller Stereo (2013) holt mich ab, na klar, aber Schizo-Thrills sind nicht mehr sonderlich innovativ. Deutsche Genrefilme müssen immer gleich ein ganzes Sub-Genre retten oder reanimieren; diese Bürde ist buchstäblich untragbar und erdrückt Kreativität. Blood Red Sky (2021) war eine Netflix-Produktion und blieb der einzige (?) deutsche Vampirfilmen in einem Jahrzehnt. Who am I – Kein System ist sicher (2014) ließ deutsches Kino kurz Cyber-Thriller-Luft atmen, ohne Auswirkungen. Kinder- und Jugendfilme funktionieren nach wie vor hervorragend, aber ich will auch mal ein deutsches Creature Feature sehen, einen Okkult-Horror oder meinetwegen einen tollen Fantasyfilm. Ich weiß, dass es die Ausnahmen gibt, aber die bestätigen … genau. Hagen, die Nibelungen-Adaptionen nach Wolfgang Hohlbein, war wirklich okay, hat aber international jetzt auch niemanden auf deutsche Fantasy juckig gemacht. Einfach … mehr Mut … das wäre schön; zwischendurch mal fünf kleine Genrefilm-Projekte mit cooler Idee, statt des nächsten großen Familienfilms? Nur so ein Gedanke.
Podcast-Tipp: Das große Eigentlich – Zwischen Filmkarriere & Dayjob
Ich hab mit der Berliner Schauspielerin Laura Patricia-Rammé über das Leben zwischen Vollzeitanstellung und Filmbranche gesprochen. Hört mal rein und abonniert gerne, wenn ihr mögt.
Keine Mailpflicht, aber wenn doch, dann an: rob@dates-online.de
PS: Du bist Kreativkopf in Magdeburg oder Umgebung? Dann schau doch mal beim monatlichen Treffen des Netzwerkes NMC (New Magdeburg Cinema) vorbei. Austausch über Projekte und Netzwerken ohne Stress.
Schreibt einfach 'ne Mail an new-magdeburg-cinema@gmx.de oder schau auf Instagram vorbei: https://www.instagram.com/new_magdeburg_cinema
PPS: Den Podcast zur Filmkolumne gibts überall kostenlos zu hören!

