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Die Magdeburger Filmkolumne - 1
Мир для України!
Die Berlinale ist glücklicherweise vorbei, das heißt, dass auch ein Gros der „so sah mein Berlinale-Abend auf dem Roten Teppich aus“-Reels einmal durch den Feed Deiner Socials gezogen wurde. Der Nachrutsch eines Filmfestivals und der großen Preisverleihungen ist seitens des Marketings sowieso viel interessanter.
Berlinale 2026: ...nee, ich war auch nicht da
Filme mit Auszeichnung werden jetzt erst herumgereicht und können natürlich anders vermarktet werden. Simples Beispiel: Die deutsch-französisch-türkische Koproduktion „Gelbe Briefe“ (OT: Sarı Zarflar; Regie & Co-Autor: İlker Çatak) feierte auf der Berlinale ihre Premiere, gewann vom Fleck weg den Goldenen Bären (Bester Langfilm) und wird jetzt natürlich mit dem Award-Logo auf dem digitalen Poster vertrieben. Hier der Trailer:
Verschiedene Menschen aus der Branche haben auch mich gefragt, ob man sich wohl auf der Berlinale sieht. Ich bin ehrlich, da sprach auch ein bisschen der Trotz aus mir, als ich geantwortet hab: „Nee, ich arbeite.“ Gemeint war natürlich: „Hey, voll gerne, natürlich! Hab voll Bock, mich mit anderen aus der Branche zu connecten. Es liegen nur gerade so viele Projekte zwischen meinen Depressionen auf dem Schreibtisch, dass mir schon bei dem bloßen Gedanken an Menschen schlecht wird, die auf Krampf ihre kreativen Schwanzlängen miteinander vergleichen, wenn sie noch vor dem Tagesgruß direkt fragen, was man gerade so in der Pipeline hätte, weil, sie selbst sind gerade an so zwei, drei Sachen dran und das wird vielleicht richtig groß, aber klar, da ist man auch sehr dankbar für und man selbst solle doch noch ein bisschen durchhalten, Deine Zeit kommt noch; einfach das Ziel vor Augen haben! Unser Film läuft gerade auf einigen Festivals richtig gut.“ Das alles überlege ich mir, während ich nebenbei jobbe und darüber nachdenke, welchen Podcast ich zuerst nicht schneide. Aber das bringt uns zu dem Thema „Festivals“ – also mich zumindest. Die Berlinale ist selbstverständlich noch immer ein bedeutsames Filmfestival; politische Eklats hin oder her – ungeachtet dessen, dass ich den Drang einiger Journalist:innen nicht verstehe, von gefühlt 90 Prozent aller Filmschaffenden eine fundierte Antwort auf politische Fragestellungen zu erwarten. Das wird nicht vorkommen, aber wenn ich da vorm Presse-Kadi säße und mich nach meiner Filmpremiere zum Nahostkonflikt äußern müsste, würde vermutlich auch nur „Ich wünsche mir Frieden und dass das Sterben aufhört“ über meine saharatrockenen Lippen schrammeln. Auf der anderen Seite ist es auch wenig elegant sich mit besonders verklausulierten Antworten aus der Affäre zu stehlen, anstatt einfach Empathie zu zeigen und zuzugeben, dass man sich mit der Materie zu wenig beschäftigt hat, um eben eine gute Antwort zu geben, aber die aktuelle weltpolitische Lage als angsteinflößend empfindet. So in etwa …
Oscars 2026: ...weils mir mittlerweile irgendwie fast egal ist
Okay, ihr habt natürlich alle die Outlets eurer Wahl bereits durchforstet, um eine Auflistung aller Preisträger:innen zu bekommen, ansonsten hier der passende Artikel von Deadline. Die Kolleg:innen des Farout Magazine haben mir im Prinzip die Worte aus dem Mund genommen: „Blood & Sinners“ hätte gerne mehr seiner 16 Nominierungen einlösen dürfen, Cooglers Goldjunge fürs beste Original-Drehbuch war meiner Meinung sehr verdient, auch wenn „One Battle After Another“ den besseren Pennwriter hatte und ob seiner (losen) Romanvorlage „Vineland“ (1990, Thomas Pynchon) natürlich auch gar nicht für das beste Original-Drehbuch nominiert war, sondern eben den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt. Gut. Das war das.
Bärenhöhle: Wo reiche ich ein?
Ich mache dafür keine Werbung, aber die mit Abstand bekannteste Plattform für die Einreichungen bei Filmfestivals ist Filmfreeway. Bevor wir damals mit der Auswertung für „Feed the Reapers“ begonnen haben, kannte ich die Plattform auch nicht, no shame. Danach wusste ich aber definitiv, dass Filmfestivals ein etabliertes Wirtschaftsmodell sind. Einreichungen sind in aller Regel nicht kostenfrei und besonders Nischenfestivals klingen gerne mal nach mehr Prestige als am Ende drinsteckt. Von reinen Online-Festivals bis zu jenen die sang und klanglos einfach nicht stattfinden, weil sich die Orga womöglich übernommen hat oder man einfach einem Scam aufgesessen ist, gibt es jedes erdenkliche Topping auf dem Applaus-Porridge – leider.
(Ich hab Hunger.)
Eure ersten Filmversuche werden wohl keine Langspielfilmproduktionen sein. Für alles andere empfehle ich den Blick auf das Angebot der AG Kurzfilm – der Bundesverband Deutscher Kurzfilm e.V. Bei der Einreichung hat jeder eine Taktik – mit Mut und Geld einfach nur bei den ganz großen Bewerben oder mit ein bisschen Hoffnung einfach bei so vielen Festivals einreichen wie es das Budget erlaubt. Das entscheidet am Ende ihr und auch welche Zwischenwege es gibt. Aber wenn ihr euren Film mögt und vielleicht so richtig liebt, dann recherchiert die Festivals vorher durch. Haben die gepflegte Social-Media-Auftritte? Wie werden Gewinnerfilme präsentiert? Und wichtiger: Wie werden nominierte Filme präsentiert? Wer ist die Zielgruppe; eure Zielgruppe? Kleine nischige Horrorfestivals mögen auf den ersten Blick keinen großen Prestigefaktor haben, aber sie haben in der Regel ein absolut genrefestes Publikum mit Liebe zum Medium, die ihre Freude über Neuentdeckungen auch gerne mit der Welt teilen. In welchem Rhythmus findet das Festival statt? Alle zwei Jahre, jährlich – alle zwei Monate? Letzteres kann effizient sein, um möglichst vielen Newcomern eine Bühne zu bieten; oft bleibt es aber auch bei einem Thumbnail und einer Inhaltsangabe. Ob das so viel Mehrwert hat, müsst ihr selbst entscheiden, ich finds nich so dolle. Obgleich der Festivalzirkus heutzutage sehr international anmutet, lohnt sich mal ein Blick auf regionale und lokale Angebote. Von Nachwuchsfilmfestivals bis hin zu Kulturwettbewerben gibt es in der Umgebung mit Sicherheit etwas, bei dem euer Kurzfilm das erste Mal eingeordnet werden kann. Groß denken ist nicht gleich großkotzig denken. In diesem Sinne: Viel Glück.
Goldene Säugetierstatuetten bitte an rob@dates-online.de
PS: Du bist Kreativkopf in Magdeburg oder Umgebung? Dann schau doch mal beim monatlichen Treffen des Netzwerkes NMC (New Magdeburg Cinema) vorbei. Austausch über Projekte und Netzwerken ohne Stress.
Schreibt einfach 'ne Mail an new-magdeburg-cinema@gmx.de oder schau auf Instagram vorbei: https://www.instagram.com/new_magdeburg_cinema
PPS: Den Podcast zur Filmkolumne gibts überall kostenlos zu hören!

