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Die Magdeburger Filmkolumne - 1
Мир для України!
So – die Bombe ist geplatzt: Der MDR setzt die Produktion für TATORT Dresden und den POLIZEIRUF 110 für die nächsten drei Jahre aus. Was für eine Scheiße.
Man muss die Formate nicht feiern, aber unbestritten sind die regionalen Sonntagabendkrimis eine der letzten medialen Lagerfeuer in Fernsehdeutschland. Egal, ob die Gen Z das Format nun „nur ironisch“ schaut oder alles Ü25 total unironisch den Sonntagabend vor dem Fernseher zum Pflichttermin erklärt: Tatort & Polizeiruf sind generationsübergreifende Phänomene und auch identifikationsstiftend – irgendwie. Niemand würde behaupten, dass der Polizeiruf aus Magdeburg wirklich … na, sagen wir mal „Magdeburg“ im eigentlichen Sinne ist. Man schleicht sich ja bei den Aufnahmen mitunter eher drumherum die Stadt als solche einzufangen und präsentiert die große Kleinstadt lieber als pseudourbane Armutsgroteske, aber womöglich gehts ja auch genau darum: Wenn im TV jeder alles sein kann, dann kann Magdeburg eben auch urban sein und der Weg zum Hassel in seiner bemühten Tristesse eben aussehen, wie das Setting aus TRAINSPOTTING (mit weniger Spritzen?). Ich bin kein klassisches TATORT- oder POLIZEIRUF-Publikum, verschließe aber trotzdem nicht die Augen vor dem Stellenwert dieser Regionalfiktionen.
Kurze Passage aus dem entsprechenden DWDL-Beitrag dazu: »Christoph Kukula sagt, dass für die Produktionsfirmen für Ort vor allem der MDR und das ZDF die wichtigsten Auftraggeber seien. "Verbindungen zu privaten Anbietern oder Streaming-Plattformen sind mehr oder weniger nicht vorhanden. Das beschreibt das Dilemma der Region ganz gut", so der 42film-Geschäftsführer.«
Ausgehend davon hab ich mir kurz die aktuellen Förderentscheidungen der Mitteldeutschen Medienförderung angeschaut (nur ein Ausschnitt) :
ASH: Animationsserie, Zielgruppe: Kinder (zumindest dem ersten Eindruck nach) Kooperation zwischen Studio100, bigchild Entertainment GmbH & Gaumont – Förderung: 500.000,00 €
Muffelspaß im Olchipark (AT): Animationsserie (basierend auf der Kinderbuchreihe DIE OLCHIS), DenverMP GmbH – Förderung: 450.000,00 €
Das Kind in dir muss Heimat finden: Adaption des gleichnamigen Selbsthilfe-Ratgebers von Stefanie Stahl, Tobis Film GmbH – Förderung: 300.000,00 €
Im Bereich Projektentwicklung/Nachwuchs ist mir das Spielfilmprojekt MIAMI ins Auge gefallen, an dem unter anderem Chiara Fleischhacker mitwirkt, Autorin & Regisseurin der unfassbar guten Milieu-Fiktion VENA, die 2024 auch im Rahmen der 10. Filmkunsttage Sachsen-Anhalt bejubelt wurde. Von der Projektseite kopiert: »Nach dem Fall der Mauer eröffnet Ela ihr Sonnenstudio MIAMI und träumt seitdem von sonnenverwöhnten Ländern. Als ihr Traum in greifbare Nähe rückt, kehrt ihre entfremdete Tochter zu ihr zurück, und sie muss zwischen ihrer Illusion von Freiheit und ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit entscheiden.«
Das Projekt wird seit 2020 entwickelt und von der MDM mit 50.000 € bezuschusst. Nett.
Vergleiche mit den Nachbarn sind sicherlich nicht zielführend und meine quälende Affinität zu Genrefilmen ist dem aus zwei Köpfen bestehenden Stammpublikum hinlänglich bekannt … aber … nun ja: Das Centre national du cinéma et de l'image animée (CNC), Frankreichs staatliche Filmförderanstalt, hat zuletzt unter anderem die Adaption DRACULA: DIE AUFERSTEHUNG (2025) gefördert (obgleich ich den zum Schreien doof fand), den sozialkritischen Spinnen-Horror INFESTED (2024) und die Polizeidystopie ZONE 3 (2025). Welche Genrestoffe oder überhaupt Stoffe abseits des gewohnten Einerlei fallen einem hierzulande ein, das eine internationale oder wenigstens europaweite Kinoaufwertung bekommen könnte? Serienfutter wie ODERBRUCH (toll!) bleibt ein internationaler Durchbruch verwehrt; DER SCHWARM bleibt so-called ein Serienevent und Sachen wie DIE NETTESTEN MENSCHEN DER WELT, WAS WIR FÜRCHTEN, HAMELN wollen sich mit internationalen Produktionen – und hier meine ich explizit nicht nur High-Budget-HBO-Futter, sondern auch koreanische oder thailändische Formate – vergleichen lassen müssen. Und im Kino? Nichts. Nullkommanichts. Nada. Niente.
Weiterführend zu dem Thema empfehle ich eine aktuelle Folge des geschätzten Podcasts INDIEFILMTALK; Folge 199: Genrefilmidentät – Warum Genre mehr ist als Unterhaltung | Mit Arend Remmers (Schneeflöckchen)
Wir wollen an dieser Stelle nicht erneut darüber lamentieren, ob und welchen Zwang es zu Unterhaltungsformaten im ÖRR gibt. Würde ich mir in den Krimireihen etwas mehr Mut zum Experiment wünschen? Sure! Finde ich das Angebot an deutschen Kriminalfilmproduktionen, die schablonenhaft die immer gleichen Abläufe zelebrieren und dabei weniger innovativ anmuten als Müsli mit Milch, irgendwie suspekt? Ja, unbedingt! Serien wie ODERBRUCH, die nicht ungeschickt Genre und Lokalkolorit verbinden, sind die absolute Ausnahme. Das Krimi-Genre mutet mittlerweile streckenweise an, wie eine ABM für die Produktionszunft – und ich freue mich trotzdem für alle die in Lohn & Brot stehen.
Vielleicht ist der aktuell kreisende Rotstift (den ich auch zum Schreien scheiße finde) auch eine Möglichkeit, sich auf seine Stärken zu besinnen und die verbliebenen Formate perspektivsch etwas mutiger anzugehen, um zu zeigen, dass Deutschlands Krimis kein Auf-der-Stelle-treten sind, sondern durchaus auch innovativ. Aber da träume ich schon wieder zu viel, vermute ich.
Welche Kriminalfilmreihe feiert ihr / feiert ihr nicht? Tell me: rob@dates-online.de
PS: Du bist Kreativkopf in Magdeburg oder Umgebung? Dann schau doch mal beim monatlichen Treffen des Netzwerkes NMC (New Magdeburg Cinema) vorbei. Austausch über Projekte und Netzwerken ohne Stress.
Schreibt einfach 'ne Mail an new-magdeburg-cinema@gmx.de oder schau auf Instagram vorbei: https://www.instagram.com/new_magdeburg_cinema
PPS: Den Podcast zur Filmkolumne gibts überall kostenlos zu hören!

