Wanderschuhe sind wohl für Mady Host schon ein liebgewonnenes Reise-Accessoire geworden. Schon mehrfach ist sie mit ihnen losgelaufen, mal durch Island, mal über den Jakobsweg - das sogar gleich zwei mal. Und immer hat sie uns daran teilhaben lassen, in Form von Reisetagebüchern. Im vergangenen Jahr war es wieder da, das Fernweh. Im Sommer startete sie zu einer neuen Mission, erkundete sechs europäische Länder in sechs Wochen via Zug und ging gängigen Länderklischees nach und lässt uns daran in ihrem aktuellen Buch "Europa in vollen Zügen" teilhaben.
Sechs Länder in sechs Wochen
Auf diese Reise nimmt uns Mady Host auf gewohnte Weise mit. Ihr lockerer Schreibstil und ihre genaue Beobachtungsgabe lassen den Leser die tschechische Hauptstadt Prag durch ihre Augen sehen. Allerdings schleichen sich dabei auch Flüchtigkeitsfehler ein, die bei ortsunkundigen Lesern Verwirrung stiften können, wenn sie im Falle von tschechischen Städtenamen immer mal wieder zu den deutschen Namen wechselt, ohne ersichtlichen Grund. Gemeinsam mit Mady quetscht man sich durch die touristischen Massen auf der Karlsbrücke und leidet mit ihr, wenn die feiernden Engländer die nächtliche Ruhe im Hostelzimmer stören. Viel Zeit verbringt sie in den europäischen Großstädten nicht, der Zeitplan ist straff. Sechs Länder in sechs Wochen mit dem Interrailticket. So gelangt sie zum Beispiel in Prag nur an die typischen Orte, die man als Erstbesucher ansteuert. Es ist schade, macht allerdings nichts. Ihr gelingt es selbst häufige Besucher der tschechischen Hauptstadt zu erreichen und neugierig auf Madys Beobachtungen zu machen. Sie stellt ganz offen die Frage nach den gängigen Klischees der Länder, die sie bereist. Da beanspruchen die Tschechen zum Beispiel das beste Bier, aber ist das wirklich so. Mady hat es probiert, will sich dann aber doch nicht festlegen.
Auf den Spuren der Pilger
Immer wieder zieht die Autorin Verbindungen zu ihren anderen Büchern, schließlich besucht sie auf ihrer Europa-Tour immer wieder Bekannte und Freunde, die sie auf ihrem Weg über den Küstenweg des Jakobswegs kennengelernt hat. Da ist zum Beispiel ihre tschechische Bekannte aus Brünn oder eine Österreicherin, die ihr Linz zeigt. Ein Muss ist es allerdings nicht, die anderen Bücher zu kennen. Es sind keine Verweise, die Rätsel aufgeben. Wichtig ist, wo sie die Leute kennengelernt hat und warum sie sie besucht. Darüber hinaus geht die Autorin bei ihren Ausführungen allerdings nicht. Will man mehr erfahren, muss man zwangsläufig zu den anderen Bücher greifen. Was heißt muss - eine Zeitverschwendung ist das nicht. Eher eine Bereicherung, auch für die, die noch nie einen Gedanken an den Jakobsweg verschwendet haben. Das Pilgern spielt übrigens auf ihrer Europa-Reise auch eine große Rolle. Man begleitet Mady Host und ihre Freundin Cornelia nicht allein durch die wilden Landschaften von Slowenien und lernt die fehlende Freundlichkeit von manch italienischem Zugbegleiter kennen. In der Schweiz lassen sie sich von der Ruhe des Pilgerns von Ort zu Ort tragen. Dabei beweisen sie, dass man an den ungewöhnlichsten Orten einen Zeltplatz finden kann, wenn man nur fragt. Da ist zum Beispiel die Nähe zu einem Kuhstall. Auch sonst ist man fasziniert davon, wie abenteuerlich eine Reise durch sechs Länder sein kann, wenn man nur den Kontakt zu den Einheimischen sucht. Dann trifft man eben einen Bahnhofsmitarbeiter, der so aufgeschlossen ist, dass er Mady und ihrer Freundin Cornelia sein Slowenien zeigt.
Kein Reiseführer, aber eine Inspiration für neue Reisen
Fest steht: einen Reiseführer bietet Mady Host nicht, soll es auch nicht sein. Vielmehr macht "Europa in vollen Zügen" Lust auf das Reisen und gibt Einblicke darin, wie andere Länder die Deutschen sehen. Selbst unser eigenes Bild müssen wir mit Blick auf Österreich, Schweiz und Italien ändern, vielleicht im Falle von Slowenien ergänzen. So wie es auch Mady auf ihrer Reise erlebt hat.

