© Ben Wolf
Florian Künstler
Hallo Florian, du hast im Juni dein neues Album „Alles nur geliehen“ rausgebracht. Wie würdest du das Album selbst beschreiben?
Irgendwie ist das Album ein Erwachsenwerden mit Themen und Erkenntnissen, die mich mehr begleiten. Der Song „Alles nur geliehen“ ist da exemplarisch. Je älter man wird, umso mehr denkt man „Brauch’ ich das alles?“ und fokussiert sich eben auf die wichtigen Sachen.
Was hat dich bewogen, das Album zu schreiben?
Ich habe jetzt kein Album geschrieben, weil ich dachte, ich will ein Album schreiben. Ich hatte viele Songs rumliegen, von denen ich einfach gemerkt habe, dass deren Inhalt ein Thema bei mir geworden ist.
Und wie kommen dir Ideen für neue Songs?
Die erwischen mich im Alltag und das ist auch gut so. Und dann frage ich mich immer, warum die mich erwischen und schreibe so viele Gedanken dazu auf, wie es nur geht. Mit meinen Ideen gehe ich dann in Songwriting-Sessions mit Leuten, die das können, was ich nicht so gut kann: Klavier spielen oder das Produzieren selbst zum Beispiel. Am Ende des Tages ist dann immer ein Song da.
Bist du eigentlich abergläubisch? Dein Album hat genau 13 Songs.
Gute Frage. Ich glaube schon. Ich sehe halt Zeichen in allen möglichen Sachen. Aber ich bin an einem 13. geboren, von daher ist die Zahl okay für mich.
Gibt es einen Song von dir, der dich besonders packt, obwohl du ihn schon hunderte Male gehört hast?
Eigentlich alle. Aber „Wenn ich mal Kinder habe“ ist natürlich sehr intensiv, weil er davon handelt, ob ich mal ein guter Vater werde, oder nicht. Gerade mit meiner Vergangenheit. (Anm. d. Red.: Florian Künstler wuchs ohne leibliche Eltern auf und wohnte einige Zeit in Heimen und in Pflegefamilien auf.) Wenn ich über Themen wie diese singe, merke ich zusammen mit dem Publikum: das macht etwas mit uns, das Leben geht irgendwie weiter und wir werden alle älter.
Generell finden immer emotionale Themen in deinen Songs einen Platz. Gibt es für dich eigentlich noch ein Tabuthema?
Für mich sollte es in der Musik kein Tabuthema geben. Ich finde es so schade, dass viel über Liebe und Trennung, aber wenig über Panik, das Älterwerden und vielleicht auch das Selbstreflektieren gesungen wird. Es wird uns alle mal ereilen, dass wir älter werden, über Kinder nachdenken oder dass man sagt „Hey, die politische Lage hier ist ein bisschen strange“. Und wer singt eigentlich, bei den ganzen Sachen, die gerade passieren, von Hoffnung? Das sollte auch stattfinden. Klar, kann ich auf etwas, das mich beschäftigt, blicken und daran kaputt gehen, aber ich kann zum Beispiel beim Kinderthema für mich auch sagen: „Wenn ich mal Kinder habe, dann weiß ich, dass ich das besser machen werde.“
Und für wen hast du den Song „Wehe du gibst auf“?
„Wehe du gibst auf“ ist eine kleine Ohrfeige an mich selbst. Es gab eine Zeit, da hatte ich Panik und Scheiß-Gedanken. Das ist auch okay, aber in solchen Momenten ist es eben einfacher, Ängste einfach wegzuschieben, statt sie zu umarmen. „Wehe du gibst auf“ ist wie in den Spiegel zu gucken und zu sagen: „Wozu aufgeben? Es hat doch keinen Sinn, irgendetwas zu beenden.“ Und natürlich ist der Song auch für Freunde und Freundinnen, die auch kämpfen oder gekämpft haben, um ihnen zu verstehen zu geben, dass ich auch dort war, wo sie gerade sind.
Schreibst du eigentlich auch für andere Künstler?
Also meistens will ich die Songs behalten, aber ich habe beispielsweise schon für Ben Zucker geschrieben, Alexander Eder, Helene Fischer oder mit Max Giesinger. Es ist auch schön, wenn die dann veröffentlicht werden, aber ich würde jetzt keinen Song von mir abgeben und sagen „sing den mal“. Anders ist es, wenn ich für eine Songwriting-Session gebucht werde, da kann ich richtig im Kopf des anderen rumwühlen und daraus etwas machen.
Du hast ja auch mehrere Features mit verschiedenen Künstlern auf deinem Album. Wie hast du die Auswahl dafür getroffen?
Ich kenne die einfach alle. Mit Sophia habe ich schon verschiedene Sessions gemacht. Und „Fremd auf der Party“ passt für uns beide voll, weil wir beide eben das Gefühl kennen, fremd auf einer Party zu sein.
Mit 1986zig habe ich Support gespielt. Dann schnackt man über Songs, ich habe ihm etwas gezeigt, was ich schon hatte, und er kam am nächsten Tag und hatte was dazu geschrieben und eingesungen, was ich geil fand.
Und der Song mit Lori ist auch während einer Session entstanden. Das finde ich auch meistens schöner, als wenn mir Leute fertige Songs schicken. Da gehe ich lieber zusammen mit den Leuten ins Studio, erfinde etwas, das noch nicht da war, und beide können stolz darauf sein. So kann ich den Song auch anders promoten und sagen „Hey, wir lieben den!“
Und im Bestfall macht man das mit Freunden.
Genau. Oder man wird zu Freunden. Durch Sessions oder das gemeinsam Rausbringen eines Songs wächst man ganz krass zusammen, weil man dabei ja auch selbst Privates teilt.
Das ist jetzt dein drittes Album innerhalb von drei Jahren.
Ja, das ist echt crazy.
Kannst du selbst beschreiben, was sich bei diesem Album musikalisch verändert hat?
Also ich finde es viel mutiger. Ich habe theoretisch auch schon die nächsten beiden Alben fertig und es wird cineastischer. Ich trau mich auch viel mehr. Ich mag gar nicht so unbedingt dieses deutsch-poppige, immer E-moll, C, G, D. Klar, diese Songs gibt es von mir auch, aber ich finde es auch cool, mal ganz neue Akkorde einzuarbeiten, oder mal nicht den Refrain sofort zu machen, sondern irgendwas Zwischenmäßiges zu bauen.
Ich glaube, von den Leuten, die gerade in Amerika und im Vereinigten Königreich Songs machen, können wir uns abgucken, mutiger zu sein. Rosalía, zum Beispiel, ist super crazy in der Anordnung. Ich persönlich liebe auch Irish Folk, also baue ich mir davon Sachen ein, oder plane aus der klassischen Musik ein bisschen Orchester mit ein.
Dein Song „Kirschblüten“ auf dem Album ist ein Aufruf, die Dinge zu tun, die man sich schon lange erträumt. Was steht denn noch auf deiner Bucket List?
Ich spare auf ein Cottage mit Tieren in Schottland oder England. Ansonsten möchte ich noch richtig viel von dieser Welt sehen, obwohl ich vor manchen Orten, wie Australien wegen der gefährlichen Tiere, Schiss habe.
Und musikalisch?
Da gibt es natürlich auch Formate, in denen ich gern wäre. „Sing meinen Song“ und „Inas Nacht“. Aber dafür, dass ich auf Tour gehen darf, bin ich schon sehr dankbar.
Wenn du zu „Sing meinen Song“ gehen würdest, wen würdest du dir im Panel wünschen und welchen deiner Songs sollte diese Person singen?
Gute Frage. Grönemeyer wäre crazy. Dann wäre es mir auch egal, was er singt. Allein die Vorstellung, Herbert Grönemeyer singt einen meiner Songs und guckt mich dabei auch noch an - dann ist, glaube ich, bei mir vorbei. Bei der Vorstellung kriege ich gleich Gänsehaut. Vielleicht klappt es ja irgendwann mal und solange freue ich mich für andere kleinere Musiker, dass sie die Chance bekommen, da mitzumachen.
Jetzt passiert in der Musik gerade ganz viel technische Entwicklung im Bereich Künstlicher Intelligenz. Wie blickst du auf diese Entwicklungen?
Echte Streicher werden immer geil sein, aber ich merke auch in Produktionssachen, dass man mit Suno (Anm. d. Red.: KI-basierter Musikgenerator) manche Dinge einfach schneller machen kann. Bei Texten finde ich die Entwicklung gefährlicher. Es gibt crazy Leute, die auf TikTok einen guten KI-generierten Song sehen und nicht verstehen, dass das nicht echt ist und keine Emotionen dahinterstecken. Ich finde, KI-generierte Musik sollte gekennzeichnet werden.
Du hast ja hier im April 2025 im Rahmen deiner „Du bist nicht allein“-Tour in der Factory gespielt, jetzt geht es nach draußen auf die MDCC-Parkbühne. Spielst du lieber drinnen oder unter freiem Himmel?
Ich finde drinnen, glaube ich, geiler. Ich mag es, wenn der Schweiß von der Decke tropft, diesen Hexenkessel. Ich fange mit Open Airs gerade an und muss die erst noch ein bisschen verstehen, weil sich bei der Größe der Locations vieles verläuft. Ich brauche aber den Kontakt zu den Menschen, muss in ihre Gesichter blicken und mit ihnen interagieren. Aber die letzten Open Airs waren schon richtig geil und intensiv und ich hoffe, dass es so weitergeht.
Worauf können wir uns bei einem Konzert hier freuen?
Für mich sollte ein Konzert immer beides haben: ruhige Nummern, die intensiv sind, und Midtempo-Nummern. Wir gründen bei jedem Konzert einen Chor, wo wir alle zusammen singen, und natürlich wird es auch Songs zum Tanzen geben. Es wird wie eine Umarmung, die mal fester und mal nicht so fest gedrückt ist.
Wie sieht deine Band für die Open Air-Konzerte aus? Hast du sie ein bisschen vergrößert?
Wir haben natürlich das komplette Besteck mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Piano dabei. Neu dazugekommen sind meine zwei tollen Backing-Vocals Marissa und Afra. Die machen richtig Action auf der Bühne und singen grandios. Und gerade, weil ich nicht die größte Rampensau bin, ist es super, wenn ich mich von sieben anderen Leuten auf der Bühne anstecken lassen kann.
Womit hat dich Enkay überzeugt, ihn als Support mit auf Tour zu nehmen?
Ich finde, er hat eine Stimme, die man wiedererkennt, und geile Songs, die Hoffnung, aber auch ernstere Themen transportieren. Menschlich passt es auch und ich finde es eben super wichtig, Musiker zu supporten, die noch nicht so viel live gespielt haben.
Du hast ja gesagt, du hast die nächsten beiden Alben quasi schon fertig. Was kommt darüber hinaus noch?
Ich spiele jetzt die Sommertour und danach bin ich tatsächlich drei Wochen im Urlaub. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so lange Urlaub gemacht habe. Ich freue mich sehr darauf, weil ich glaube, man muss auch mal etwas anderes erleben, um wieder etwas schreiben zu können. Ab Dezember bin ich bei „Night of the Proms“ dabei. Das wird richtig verrückt mit riesigen Hallen und Größen wie „Frankie Goes to Hollywood“ und Alice Cooper. Und ich aus Lübeck dazwischen. Ich bin gespannt, wie das wird. Und ab April bin ich dann wieder auf meiner eigenen Tour.
Du bist ja auch sozial sehr engagiert, sowohl in der Obdachlosenhilfe als auch als Musiker für den Magdeburger Verein Kinderklinikkonzerte e.V. Warum ist dir das so wichtig?
Ich war selbst einige Zeit obdachlos, daher liegt mir das Thema am Herzen. Generell glaube ich, dass man geben muss, um annehmen zu dürfen. Man denkt immer, man hat so viele Probleme im Leben und gerade bei den Kinderklinikkonzerten sieht man dann Eltern, die für ihre Kinder kämpfen und Kinder, die viel zu früh stark sein müssen. Wenn ich für diese Konzerte angefragt werde, komme ich natürlich, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Ich weiß, man ändert jetzt nichts am ganzen Leben der Familien, aber ein Tag Ablenkung kann von Bedeutung sein, wenn es darum geht, Kraft zu tanken und auf andere Gedanken zu kommen.
Das sind wichtige Worte zum Abschluss. Danke für deine Zeit und viel Spaß auf Tour.
Hier geht es zum Konzert am 7. August auf der MDDC-Parkbühne und zu Tickets

