Als Kind mochte ich Wölfe. Ich hatte einen kleinen kuschligen, der brummte, wenn ich ihm die Nase drückte. Ansonsten war er stumm, hatte kleine Knopfaugen, zwei spitze Zähne aus Filz und einen großen kuschligen Bauch, in dem ich meine Schokolade sammelte. Er durfte von meinem Teller essen, mit in meinem Bett schlafen und kriegte eins auf den Popo, wenn er frech war. Zu Weihnachten bekam er von meiner Oma geringelte Strümpfe, die sie selbst strickte. Und bei Vollmond, wenn ich nicht schlafen konnte, plünderte ich seinen großen weichen Bauch. Am nächsten Morgen sahen mein Bett, mein Wolf und ich ganz fürchterlich aus. Heute kann ich verstehen, dass der Schreck für jede Mutter groß ist, die ihr Kind so sieht. Aber heute bin ich groß und mein Wolf ist ... Ja, wo ist er eigentlich?
„Welchen Wolf meinst Du?“ Meine Lieblingsliebste tippte sich an die Stirn und meinte, dass er weggelaufen ist. Wenn meine Lieblingsliebste mich veralbert, mag ich das gar nicht. Sie hatte nie einen Wolf zum knuddeln und kann nicht verstehen, dass man halt mal nach seinem Wolf fragt. „Was soll ich machen, wenn ich Deinen Wolf treffe“, fragte sie. Sie überraschte mich. Meinte sie diese Frage ernst?
„Nun“, meinte sie, „Dein Wolf ist wahrscheinlich groß geworden. Erwachsen eben. Ein Raubtier, dass Pilzsammler anfällt und auffrisst. Zerfleischt!“ Dass sie auch immer gleich auf Panik macht. Dabei ist sie noch nie in den Pilzen gewesen. „Es gibt auch Wölfe, die rauben Frauen“, entgegnete ich verärgert. „Und was dann“, fragte sie entsetzt. „Werden sie gefressen?“ Nein, erst mal nicht. Meine Lieblingsliebste schien erleichtert und kündigte an, sich beim NABU zu erkundigen, was sie tun soll, wenn sie einen Wolf trifft. Ich bezweifelte, dass der ihr helfen könne. Was wird sie hören? Dass sie dem Wolf tief in die Augen blicken, ihn ansprechen oder bloß nicht wegrennen soll? Das Verkehrteste wäre, zu meckern.
Meine Lieblingsliebste ließ sich nicht abhalten. Mehr noch. Sie ist jetzt Wolfs-Patin und arbeitet ehrenamtlich im Projekt „Willkommen Wolf“ mit. „Der Wolf kommt nach Hause“, beginnt sie ihre langen Reden, wenn sie andere darüber aufklärt, dass der Wolf eigentlich scheu sei und Menschen meide. Der Wolf wäre nicht so wie bei Rotkäppchen oder Peter und der Wolf. Aberglaube und Vorurteile würden unnötig Ängste schüren. Und diese gelben Augen leuchten nie so stark wie immer gerne gezeigt. Ja, das mag sein. Und wenn ich an meinen Wolf denke, will ich ihr gerne glauben. Aber darum geht‘s jetzt nicht mehr. Der Wolf beherrscht seit Monaten mein Zuhause – Er ist zu Hause. Ich musste die Notbremse ziehen. Wie? Ganz einfach: „Ob sie sich schon mal gefragt habe, warum es so viele behaarte und jaulende Kinder gibt“, fragte ich sie neulich. Naja, sie ist ausgezogen. Aber das wird schon wieder. Und: Ganz alleine muss ich nicht schlafen. Mein Wolf mit dem Schokoladenbauch ist wieder da. (Olewolf)
